Denai Moore

Musik gegen die Angst

Erste Aufmerksamkeit erlangte Denai Moore mit einem Gastbeitrag für den Londoner Produzenten SBTRKT. Mit "Modern Dread" veröffentlicht sie nun ihr inzwischen drittes eigenes Album.
+
Erste Aufmerksamkeit erlangte Denai Moore mit einem Gastbeitrag für den Londoner Produzenten SBTRKT. Mit „Modern Dread“ veröffentlicht sie nun ihr inzwischen drittes eigenes Album.

Die britische Sängerin Denai Moore veröffentlicht ihr drittes Album „Modern Dread“. Damit setzt sie sich zur Wehr - gegen Genre-Schubladen und gegen Existenzkrisen.

Denai Moore ist gebürtige Jamaikanerin und lebt seit ihrem zehnten Lebensjahr in London. Dort muss sie den maskierten Produzenten SBTRKT kennengelernt haben, der in seiner Musik Dubstep- und UK-Garage-Einflüsse auf zugängliche Drei-Minuten-Songs komprimiert, die er dann von allerlei Gästen in Pop-Musik verwandeln lässt. Zu seinem zweiten Album „Wonder Where We Land“ (2014) steuerte neben Sampha, Jessie Ware und dem Rapper A$AP Ferg auch Denai Moore einen gefühlvollen Beitrag bei und erlangte damit erste Aufmerksamkeit.

In ihrer eigenen Musik will Moore „genre free“ sein - so steht es in ihrer Twitter-Bio. Auf dem 2015er-Debüt „Elsewhere“ und dem Nachfolger „We Used To Bloom“ (2017) entwickelte sie ihren Sound allerdings noch hörbar aus klassischem Soul, garniert mit ein paar Folk-Einflüssen und elektronischen Drums. Auf „Modern Dread“, ihrem inzwischen dritten Langspieler, findet sie nun zu einem Sound, der sich tatsächlich schwer in Schubladen stecken lässt.

Das Highlight „Motherless Child“ ist textlich eine Anlehnung an das Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, klingt musikalisch aber nach einem psychedelischen Indie-Pop-Song, wie man ihn auch auf einem Glass-Animals-Album finden könnte - mit Glockenspiel-artigen Synthesizern und ratternden elektronischen Hi-Hats. Auf dem darauffolgenden Titel „Turn Off The Radio“ wiederum klingen die Synthesizer wie aus einem NDW-Song. Für „Hail“ ist gleich eine ganze Reihe verschiedener Synthesizer-Klänge übereinander geschichtet worden. „To The Brink“ wirkt mit seiner wummernden Basslinie und synkopierten Drums, als könnten Little Dragon Pate gestanden haben.

Und morgen die Welt

Um den Albumtitel zu interpretieren, braucht es nicht viel Fantasie. Die Bedeutung des Wortes „Dread“ liegt irgendwo zwischen Furcht und Entsetzen. Das Jahr 2020 hat bislang zu beidem viel Anlass gegeben. Denai Moore singt allerdings nicht von bevorstehenden Apokalypsen. Stattdessen geht es um Trennungsschmerz, um Angstzustände und Existenzkrisen, immer wieder aber auch um Heilung und den Weg zurück zu innerer Stärke. Die Formen von „Modern Dread“, die Moore beschreibt, lassen sich nicht allein mit Weltpolitik begründen, sondern werden ganz individuell wahrgenommen. Und trotzdem kann man vielleicht Trost darin finden, dass sie diese Ängste auch kennt und beschließt, sich erst einmal um sich selbst zu kümmern, und vielleicht danach um die Weltpolitik.

Leider schleichen sich auch ein paar charakterlose Nummern ein: Die Selbstbewusstseinshymne „Fake Sorry“ und die Trennungsballade „Offer Me“ wirken aufgesetzt und wurden von Arena-Popstars in ähnlicher Form schon besser gemacht. „Modern Dread“ ist ein über lange Strecke spannend produziertes Album für Fans von eklektischem Indie-Pop, klingt aber auch, als könnte Denai Moores bestes Schaffen erst noch bevorstehen.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare