Jessie Reyez

Musik für einsame Schlafzimmertränen

Trap, Soul, HipHop und viel R&#39n&#39B: Die Sängerin und Songschreiberin Jessie Reyez spielt gekonnt mit verschiedenen Stilen. Dennoch hat man den Eindruck, dass sie auf ihrem Debüt „Before Love Came To Kill Us“ nicht ihr ganzes Potenzial abruft.
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Trap, Soul, HipHop und viel R'n'B: Die Sängerin und Songschreiberin Jessie Reyez spielt gekonnt mit verschiedenen Stilen. Dennoch hat man den Eindruck, dass sie auf ihrem Debüt „Before Love Came To Kill Us“ nicht ihr ganzes Potenzial abruft.

Die Liebe ist ein Arschloch. Zumindest, wenn man Jessie Reyez auf „Before Love Came To Kill Us“ Glauben schenkt. Das Debütalbum der Kanadierin ist ein selbstzerstörerisches Break-Up-Drama aus Trap, Soul und R'n'B, das Rihanna stolz machen würde.

Als Supportact für Partynextdoor und Billie Elish kennt Jessie Reyez die großen Bühnen der Welt bereits, mit Letzterer pflegt sie sogar eine Freundschaft. Auch Lewis Capaldi, Calvin Harris, Dua Lipa und Beyoncé haben in den letzten Jahren bereits mit der in Toronto geborenen Tochter kolumbianischer Einwanderer zusammengearbeitet. Juno Awards und eine Grammy-Nominierung, aber auch kleinere Schauspielrollen hat es schon für sie gegeben. Die Industrie ist Jessie Reyez wohlgesonnen, seit sie vor drei Jahren mit dem Song „Figures“ erstmals breitenwirksam in die Öffentlichkeit trat. Auf der zerrissenen Neo-Soul-Ballade, die auch ihr nun erscheinendes erstes Album abschließt, bediente Reyez bereits das Narrativ, das „Before Love Came To Kill Us“ ummantelt: Es gibt nichts, das uns so wehtut wie die Liebe.

Der Sound ist State of the Art. Mit unter anderem den Produzenten Björn Djupström (Jennifer Lopez, Marc Anthony) und The Monarch (Justin Bieber, Rita Ora) hat Reyez ein Sammelsurium aus Trap, R'n'B, HipHop und Soul zusammengetragen, das poppig genug ist, um Radiosendern zu gefallen, aber trotzdem den Ansprüchen von Musikauskennern gerecht werden kann. So taucht sogar Jermaine Jackson in der Besetzung von „Before Love Came To Kill Us“ auf. Keine Frage, hier hat jemand Pop-Star-Ambitionen. An einer Stelle singt Reyez „Blueprint, and Blonded, good kid, m.A.A.d city / Got love for Amy and Fugees, and Lauryn“ und benennt damit die musikalischen Referenzen dieses Erstwerks. Die angeberische HipHop-Haltung der 2000-er, die organische Eingängigkeit des Neo-Souls der 90-er und die emotionale Tiefe von R'n'B-Neuerfindern wie Frank Ocean sind die musikalischen Pfeiler von „Before Love Cam To Kill Us“.

Auch Eminem ist mit dabei

Vordergründig ist Reyez eine Sängerin. Auch wenn sich ihre Performance nahe am Stil von R'n'B-Vertreterinnen wie Arianna Grande bewegt, besticht sie durch ihren Wankelmut zwischen kindlicher Gebrechlichkeit und überbordendem Selbstbewusstsein. Manchmal klingen ihre Gesangspassagen nach dem Toasting des Reggae, den Reyez sehr liebt, etwa in dem Trap-Soul-Opener „Do You Love Her“. Gleichzeitig tritt die 28-Jährige mit der hochmütigen Attitüde eines Rappers ans Mikrofon. Es ist eine stilistische Fusion, die auch Rihanna auf „Anti“ einst schon zum Welterfolg führte. „You're in love with somebody else / Maybe I could offer some help“, besingt Reyez auf „Imported“ an der Seite von Rapper 6Lack die Dynamiken einer Übergangsbeziehung nach dem Liebesaus, um gleich hinterherzuschießen: „Get over them by gettin' under me“. Auch der Track „Coffin“, bei dem Reyez von Eminem unterstützt wird, und die Single „Love In The Dark“ beschäftigen sich mit toxischer Liebe. „You're such an asshole, but I see a prince / And I'm a good girl, but you see a bitch“, heißt es in dem zentralen Stück „Same Side“.

Vorwürfe, Kummer, Rastlosigkeit. All das ist sehr intensiv, kann aber auch anstrengen - ab spätestens der Mitte des Albums wundert man sich, warum Reyez die emotionale Abhängigkeit von ihren Ex-Partnern nicht öfter hinterfragt. Doch sie suhlt sich lieber weiter in ihrem Leid, weshalb einzig der Song „Dope“ das Tempo des Albums kurz mal anhebt. Der Großteil ist Musik für einsame Schlafzimmertränen. Die politische Komponente ihres Schaffens - Reyez hatte mit dem Kurzfilm „Gatekeeper“ 2017 von ihren Sexismus-Erfahrungen in der Musikindustrie berichtet - wurde hier für die Zugänglichkeit sogar komplett ausgeklammert. Der amouröse Grabgang ist damit zwar eine geschmackvolle Bestandsaufnahme für den heutigen R'n'B, aber am Ende reproduziert er vor allem bekannte Motive des Genres - hochwertig, aber eben nicht neuartig.

teleschau

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