Nnamdi

Multiple Möglichkeiten

Nnamdi Ogbonnayas Musik mag im ersten Moment obskur und chaotisch wirken. Wenn man sich auf „Brat“ einlässt, ergibt sich aber schnell der Sinn dahinter.
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Nnamdi Ogbonnayas Musik mag im ersten Moment obskur und chaotisch wirken. Wenn man sich auf „Brat“ einlässt, ergibt sich aber schnell der Sinn dahinter.

Wer viel kann, hat auch viel zu erzählen: Der US-Musiker Nnamdi vereint viele verschiedene Genres und Stimmungen. Trotzdem klingt sein neues Album „Brat“ logisch und in sich geschlossen.

„Wer, bitte?“, wird man sich vielleicht in vielen deutschen Haushalten fragen. Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag erklärt: Nnamdi Ogbonnaya, der unter seinem Vornamen Nnamdi musiziert, ist ein amerikanischer Multiinstrumentalist. Er spielt Gitarre, Bass und Schlagzeug, er singt und rappt - und das alles für diverse Bands und Projekte. Oder eben, wenn er solo arbeitet. Sein neues Album heißt „Brat“ und ist tatsächlich so avantgardistisch und experimentierfreudig, wie es auch der Rest des Wikipedia-Eintrags verspricht.

Dort ist nämlich zu lesen, der 30-Jährige aus Chicago, Illinois, übe sich in den Spielrichtungen Avant-Pop, Experimental, HipHop, Jazzy Rock, Hyphy (eine atemlose, hyperaktive Rap-Form), Rock, Instrumental HipHop, Math Rock und Emo. Eine Menge Holz. Wenn man will, kann man all das auf „Brat“ tatsächlich verorten - und der Liste noch einiges hinzufügen. Denn häufiger als traditioneller HipHop ist hier Alternative R'n'B zu hören oder Neo Soul. Der akustische Start mit „Flowers To My Demons“ mutet gar indie-folkig an; verhallter, warmer Gesang führt in das Album ein. Die Falsett-Zweitstimme, die drängenden Rim Clicks und die spätere Fülle des Tracks verbreiten aber bereits eine Ahnung davon, dass hier noch mehr passieren wird. „Oh, I need you, need something new“, fleht er wiederholt. Verlangen zieht sich genauso durch die Platte wie ein hohes Maß an Verspieltheit.

Am Ende ist alles okay

Nnamdi hat „Brat“ komplett selbst eingespielt und produziert, und neben den bei Wikipedia genannten Instrumenten hört man noch einiges mehr. Das Piano etwa, wie in „Everyone I Loved“. An Sampler und Synthesizer scheint der 30-Jährige sich ebenfalls wohlzufühlen. Seine Stimme derweil bietet so viele Facetten, dass auch dadurch multiple Eindrücke entstehen können. In „Wasted“ meint man, von einem ganzen Chor von Solisten besungen zu werden. Hall-Effekte und weitere Nachbearbeitungen verstärken die Wirkung dieser Musik um ein Vielfaches.

In „Perfect In My Mind“ hört man ein Rock-Soli-Gewirr sowie afrikanisch anmutende Klänge (Nnamdis Eltern stammen aus Nigeria). Eine Orgel ummantelt „Semantics“, den Rap-lastigsten Track des Albums, und zum Ende hin mündet die Kombination in feinsten Horrorcore. Dass bei all diesem Genre-, Stimmungs- und Darbietungsmischmasch trotzdem ein kompaktes Werk zustandegekam, ist vielleicht die am höchsten anzuerkennende Leistung des Künstlers. Man hört Nnamdi gerne dabei zu, wie er erst nach allem greift, dann zweifelt und sich schließlich wieder mit sich selbst versöhnt. „It's OK“ als vorletzte Anspielstation ist ein Bon-Iver'scher Seelenstreichler. „Take some time for you“, appelliert Nnamdi soulgewandt an sich selbst und seine Hörer. Also: Smartphone zur Seite, Wikipedia Wikipedia sein lassen und „Brat“ noch mal von vorne hören!

teleschau

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