Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit

Mehr Schnaps als Liebe

Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit verzichten auf das große Theater und gefallen sich dabei selbst ganz gut.
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Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit verzichten auf das große Theater und gefallen sich dabei selbst ganz gut.

Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit definieren die Party neu und trinken lieber in der Eckkneipe als auf der Tanzfläche. Und wer nicht genau hinguckt, dem fallen diese Gestalten mit ihrem Tresen-Folk gar nicht auf.

Ein Mann hat vor seinem fast leeren Bierglas und mit brennender Kippe schon den Kopf auf den Tresen gelegt. Das Cover von „Die Party ist so ziemlich vorüber“ zeigt bereits deutlich an, welches Fest hier zu Ende geht. Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit spielen ihre altmodischen Folk-Songs auf den zehn Zentimeter hohen Bühnen der Eckkneipen und Spielunken, wenn der blaue Dunst es ihnen nicht unmöglich macht. Sie singen mit zahnlosen Gitarrenstücken den Mann am Tresen langsam in den Schlaf, während sich kaum jemand um sie schert. Dabei versuchen sie erst gar nicht, groß auf sich aufmerksam zu machen.

Schon der Opener „Da brennt ein Licht“ will gar kein richtiger Song sein, will gar nicht stören. Ab und zu stellt man Fragen wie: „Wer geht schon gerne schlafen, wenn die Welt sich einfach weiter dreht?“ Und an einem der Tische drehen ein paar der trinkfesteren Anwesenden kurz den Kopf und geben durch anerkennendes Nicken zu verstehen, dass man vom selben Schlag ist. Das Berliner Trio gefällt sich in seiner Unauffälligkeit.

„Stadt der Steine“ schielt dann kurz Richtung Annenmaykantereit, aber ohne diesen unangenehmen Typen, der auf der Party ungefragt die Gitarre herausholt und überemotional die Trommelfelle penetriert. „Bring mich von hier fort“ wird sogar noch etwas mutiger: Die Light-Verison eines Tom-Waits-Schunklers bemüht eine Geige für die Dramatik. Aber das war es dann auch schon mit der ausladenden Geste - nicht, dass das noch jemanden verärgert.

Halb leer oder halb voll?

Mit „Tief, tief drin in meinem Herz“ und „Der 13. Juli“ wird ein bisschen balladiert und kurz die Liebe abgehandelt, aber auch das passiert natürlich ohne unnötigen Kitsch. Das Titelstück „Die Party ist so ziemlich vorüber“ zeigt, dass Tim Tiebel Element of Crime gehört hat, samt Nennung eines Berliner Bezirks und Mundharmonikasolo. Aber es gibt Schlechteres, als nach einer Band zu klingen, die in der Verfilmung eines Sven-Regener-Stücks zur Unzeit für die wenigen Kneipengäste trällert. Mit „Eins und eins“ drängen die Musiker dann doch mal einigermaßen aufgeregt in den Vordergrund und präsentieren ihren wohl interessantesten Song, in dem alle vorherigen Elemente samt Tempowechsel in ein Glas geschüttet werden. „Die, die du liebtest, liebt jetzt einen anderen. So ist die Liebe, sie muss nun mal wandern“, seufzt das Herz laut auf.

Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit benutzen Wörter wie „Diskothek“ und „Schnaps“, und sie wissen genau, was sie können und was nicht. So kann man über die Folk-Stücke kaum etwas Schlechtes sagen. Aber etwas herausragend Positives fällt einem zu „Die Party ist so ziemlich vorüber“ beim besten Willen auch nicht ein. Das Album macht keinen Hehl aus seinen Vorbildern, findet das wahrscheinlich aber auch ziemlich okay. Man wird mit sympathischen Songtiteln wie „So wenig Liebe, so viel Schnaps“ bestimmt ein paar Freunde finden, und mit denen trinkt man dann eben. Eine richtige Party war das hier eigentlich nie, aber mit den richtigen Leuten sind der Tisch in der Ecke und abgestandenes Bier auch ganz in Ordnung.

teleschau

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