Georg Ringsgwandl

Er wui net meckern, aber er muaß

+
Georg Ringsgwandl ist mit 70 nicht mehr so schrill unterwegs wie früher, aber Krawall mag er immer noch.

Seine Tätigkeit als Arzt hat er inzwischen aufgegeben, zusätzliche Sprechstunden waren also keine Option: Kurz nach seinem 70. Geburtstag beschenkt Georg Ringsgwandl die Fans mit einem neuen Album.

Grelle Schminke im Gesicht, untenrum die Krachlederne und dazu dieses ungelenke Herumgockeln auf der Bühne: Für genau solche Künstler wie den frühen Georg Ringsgwandl braucht man Begriffe wie „Paradiesvogel“ oder „Exzentriker“. Ganz so „wuid unterwegs“ wie einst ist er heute nicht mehr. Der vielfach ausgezeichnete Musiker, Kabarettist und Arzt aus Bad Reichenhall feierte im November 2018 seinen 70. Geburtstag. Ein Punk steckt aber immer noch in ihm, wie er auf seinem neuen Album „Andacht & Radau“ zeigt - und ein echtes bayerisches Original bleibt er sowieso.

Es geht um fehlenden Speicherplatz auf dem Handy, eine Boazn (Kneipe) auf dem Land, einen Rasthof auf der A9 und Tiernahrung: Die ganz harten und kontroversen Gesellschaftsthemen packt Georg Ringsgwandl auf „Andacht & Radau“ nicht mehr an. Das muss sich einer wie er, der seine Paukenschläge längst getan hat, im Zeitalter der Internet-Trolle vielleicht auch nicht mehr antun.

Abgesehen davon ist dieses neue Album ohnehin eine kleine Schummelei, weil so ganz neu ist daran nicht viel. Um große Statements eines erfahrenen Querulanten geht's hier aber auch nicht. Dieser Quasi-Geburtstags-Langspieler, bestückt mit vielen Klassikern, hat eher etwas sehr Feierliches. Ringsgwandl erinnert sich an frühere Glanztaten („Andacht“), erneuert altes Gezeter („& Radau“) und zelebriert dazwischen mit großer Rafinesse den von ihm so geliebten und mitdefinierten bayerischen Rock'n'Roll.

„Hams olle ins Hirn nei gschissn?“

„Es gibt Tage, wo du denkst, sie spritzen dir die Scheiße mit der atomaren Hochdruckpumpe mitten ins Gesicht“: So geht es los im Eröffnungssong „Tage, Metal“, einem der wenigen neu komponierten Stücke auf „Andacht & Radau“. Wer da spritzt, bleibt unklar, aber wenn ein Ringsgwandl dann später fragt „Hams olle ins Hirn nei gschissn?“, dann weiß man schon, wen er meint: die Kleingeistigen und die Heuchler, die Mitläufer und die Spießer. Die Deppen eben.

Mit „Digitales Proletariat“, einem weiteren neuen Song, gibt der Menschenkenner mit dem Seziermesser dann auch einen ganz aktuellen Kommentar zur Lage der Nation ab. Da geht's eigentlich auch wieder um die Deppen. „Du hast einen Abschluss, du bist ein schlaues Tier / Trotzdem hast du nicht kapiert, dein Handy spielt mit dir.“ Derlei Botschaften findet man in der Musikwelt gerade zuhauf, aber so entlarvend, närrisch und charmant wie bei Ringsgwandl kommen sie nur selten daher.

Stammtisch trifft Kleinkunstbühne trifft Heavy Metal

Der nicht minder hörenswerte Rest des Albums befriedigt dann vor allem die Sammellust der Fans. „Fundstücke“ nennt Ringsgwandl selbst diese Titel, die er früher schon oft live spielte, die aber nie auf einer CD landeten. Für dieses Album, das damit auch zu einem heimlichen Best-of wird, hat er sie mit seiner Band endlich eingespielt: mal ganz sanft und zart („Birgit von da Soafa“, „Thaller Hymne“, „Nur ein paar alte Sachen“), mal derb und krachend („I wui net Skifahrn, aber i muaß“, „Deppert“, „Reiß de Hüttn weg!“). Und egal, ob's gerade leise oder laut zugeht, Ringsgwandl ist immer mit Esprit und dem ihm eigenen hintersinnigen Humor dabei. Stammtisch trifft Kleinkunstbühne trifft Heavy Metal: Das funktioniert auch ohne die ganze Schminke noch wunderbar.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare