Neues Album „Magic Life“ 

Bilderbuch im Interview: „Man muss Fan-Verbundenheit und Working Class verkörpern

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Sänger und Texter Maurice Ernst (links) mit seinen Bandkollegen: Auf ihr bärenstarkes neues Album „Magic Life“ können Bilderbuch zu Recht stolz sein.

Sprachgewaltig und dennoch furios groovig: Im Interview erklärt Maurice Ernst von Bilderbuch, wie das zusammengeht.

Die österreichische Band Bilderbuch ist das vielleicht spannendste deutschsprachige Musikphänomen der Gegenwart. Warum? Weil ihr Pop-Ansatz tatsächlich neu ist. Sänger und Texter Maurice Ernst entwirft atemberaubende deutsch-englische Sprachbilder. Seine Band bettet sie in Grooves und Sounds ein, die mehr an hochmodernen amerikanischen R'n'B von Kanye West und Beyoncé erinnern als an Falco, mit dem Bilderbuch fast schon penetrant verglichen werden. Ihr Erfolgsalbum „Schick Schock“ von 2015 war Nummer eins in Österreich und schrammte in Deutschland nur knapp an den Album-Top-Ten vorbei. Doch der Weg von Bilderbuch ist noch lange nicht zu Ende. Ihr neues Werk, „Magic Life“, wirkt noch ausgefuchster, grooviger, aber auch introspektiver als der Vorgänger. Ein Gespräch über die Melancholie der Hedonisten, problematische deutsche Pop-Texte und das ewige Ringen der Herz- und Hüftsteifen mit dem Soul.

nordbuzz: „Magic Life“ klingt melancholischer als das letzte Album „Schick Schock“. Hat Dich der Erfolg nachdenklich werden lassen?

Maurice Ernst: Es liegt ein bisschen an der Zeit und dem, was rund um uns in Mitteleuropa passiert. Wir Österreicher und Deutsche leben doch auf einer Insel der Glückseligen, wir leben das „Magic Life“. In Österreich ist das der Name eines All-Inclusice-Reiseveranstalters. Mit denen war ich oft als Kind mit meinen Eltern in den Ferien - sehr angenehm! Die schotten einen ab vom Leben da draußen und packen einen in Glückswatte.

nordbuzz: Und das macht Dich heute melancholisch?

Ernst: Wenn ich die Analogie zur gegenwärtigen Gesellschaft sehe, ja. Dass unsere neue Platte - bei allem Groove - melancholischer und introspektiver klingt, empfinde ich als nachvollziehbaren Prozess. Was hätten wir denn tun sollen nach „Schick Schock“? Uns noch weiter aufplustern, eine noch größere Utopie des Wohlstands zeichnen? „Magic Life“-Urlaube sind eine Utopie. Es gibt die Vorstellung, einmal im Jahr irgendwohin zu fahren, wo alles passt. Wenn man das darauf umlegt, wie es uns gerade geht in Europa, dann ist da das Gefühl, dass man hineingeboren wurde in dieses Magic Life. Aber wann ist der Urlaub zu Ende? Oder: Haben wir ein Recht, dort zu bleiben, in einem Magic-Life-Club, ein Leben lang? Und wie sollen wir damit umgehen? Sollen wir feiern, solange wir da sind? Hoch lebe der Urlaub!? Oder sollen wir hinter diese Mauern schauen und das hinterfragen, wo wir eigentlich sitzen?

nordbuzz: Die Texte, in denen Du dieses Leben hinterfragst, wechseln innerhalb eines Satzes kunstvoll zwischen Deutsch und Englisch. Wie bist Du auf diese Art Lyrik gekommen?

Ernst: Als ich mit 15 angefangen habe zu texten - wir spielten ja schon als Schülerband zusammen -, meinten die Jungs zu mir: Englisch wäre schon cool. Es gab zum Beispiel einen riesigen Oasis-Fan in unserer Band. Ich wusste aber, dass ich niemals Englisch schreiben können würde. Es sei denn, ich hätte mein Schulbuch aus dem Englischunterricht vertont. Ich fing also an, Kindergeschichten zu singen, darüber kam ich dann in eine eigene Lyrik rein.

„Komisches Verhältnis zu deutschsprachiger Musik“

nordbuzz: Hast Du viel darüber nachgedacht, wie Du Dich ausdrückst? Deine instinktive Sprache ist mit kaum einem anderen deutschsprachigen Texter vergleichbar.

Ernst: Als ich ernsthaft mit dem Texten anfing, bekam ich schnell ein komisches Verhältnis zu deutschsprachiger Musik. Ich wollte und konnte das alles auf einmal nicht mehr hören. Etwa sechs Jahre lang hörte ich nur noch Englischsprachiges, bei dem ich aber auch nicht auf den Text achtete. Ich hatte einfach Angst, dass andere deutsche Texte meinen Stil unangenehm beeinflussen könnten. Ich wollte nie, dass man sagt: Ja, das ist doch wie Tocotronic, Madsen oder Ja, Panik. Und ich sehe auch heute noch nicht zu 100 Prozent, warum uns so viele mit Falco vergleichen.

nordbuzz: Du weißt wirklich nicht, wo der Falco-Vergleich herkommt?

Ernst: Doch, natürlich gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch riesige Unterschiede. Mit Falco ist das so eine Sache in Österreich. Er ist einfach ein Synonym für Popstar. Es gibt nur diese eine Referenz bei uns.

nordbuzz: Muss man sich als österreichischer Popstar von Falco abgrenzen - oder spielst Du lieber mit seinem Image?

Ernst: Es wurde irgendwann zum Spiel. Als wir an unserem späteren Hit „Maschin“ arbeiteten, der exzessiv zu Falco in Beziehung gesetzt wurde, dachten wir überhaupt nicht an seine Musik, sondern hörten amerikanische Musik, vor allem von Kanye West. Und die Medien sagten gleich: „Boah, das hat es seit Falco nicht gegeben.“ Wenn man sich „Maschin“ anhört, ist das so weit weg von Falco. Nur diese Attitüde, das Selbstverständnis, einen Popsong hinzuknallen, der einfach kompromisslos sagt: „Da sind wir!“ Das ist Falco, das ist wie Punk. Falco ist in Österreich nicht nur ein Pop-Act, es ist eine Einstellung. Man verwechselt das manchmal ...

nordbuzz: Warum ist Falco in Österreich so wahnsinnig wichtig?

Ernst: Es ist wie mit dem Sieg gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1978 in Córdoba: Österreicher neigen dazu, wenn wirklich mal etwas Gutes passiert, dieses Gute sehr stark zu betonen. Die Legenden österreichischer Erfolge werden so oft angeführt, bis sie sich ganz tief ins allgemeine Wissen reingefressen haben. Das wird vermarktet bis zum Gehtnichtmehr. Natürlich liegt das ein bisschen an diesem kleinen Land, es gibt halt wenig Referenzen.

nordbuzz: Falco und auch Bilderbuch hätten aber gefühlt nie aus Deutschland kommen können, oder?

Ernst: Herbert Grönemeyer sagte mal, dass man in Deutschland auf der Bühne über zwei Stunden ein Held sein soll. Kaum ist man jedoch von der Bühne runter, soll der Popstar zum besten Freund werden. Da muss man Fan-Verbundenheit und Working Class verkörpern, dabei hat diese Art Fan-Freundschaft, die in Deutschland auf eine fast unangenehme Art und Weise immer noch gelebt wird, nichts mit wirklicher Freundschaft zu tun. Sie ist nur vorgegaukelt.

„Ja, in Österreich darf man Diva sein“

nordbuzz: In Österreich darf man dagegen ...

Ernst: ... als Popstar ein Arschloch sein und gute Musik machen. Grönemeyer sagte, wenn ich mich richtig erinnere: „In England und in Österreich kann man auch als unangenehme Person etwas reißen, weil die Leute es nicht notwendig finden, dass ein Star auch gleichzeitig nett ist.“

nordbuzz: Würdest Du sagen, die Deutschen haben Probleme mit Diven? Mit weiblichen und mit männlichen erst recht?

Ernst: Ja, in Österreich darf man Diva sein. Das kommt unter anderem durch die Bedeutung von Klassik und Oper. Dieser Quelle entspringt auch die Großkotzigkeit der österreichischen Pop-Künstler. Die haben das Gefühl, sich auflehnen zu müssen gegen diesen klassischen Apparat. Er ist so übermächtig, dass man sich Aufplustern muss wie ein Riesenfasan, um überhaupt wahrgenommen zu werden - neben all diesen prunkvollen, goldenen Häusern, die da rund um den Wiener Ring stehen. Du musst dich wirklich ins Zeug legen und versuchen, auf eine andere Art und Weise laut zu sein.

nordbuzz: Deine Sprache ist zudem ungeheuer funky. Warum tut sich deutschsprachiger Pop auch in dieser Disziplin so schwer?

Ernst: Ganz erklären kann ich es mir auch nicht. Mir ist es einfach nur wichtig. Ich habe als Kind fast nur Soul gehört. Deshalb war es mir nie fremd, so an die Musik heranzugehen. Sehr frei und weniger über den Text. Ich komme nicht aus einer Familie, die studiert hat. Das geschriebene Wort hatte bei uns nicht so die große Bedeutung. Ich komme aus einer Herz- und Bauchfamilie, meine Eltern hatten eine Gastwirtschaft. Da ging es um: Soul hören, das Leben fühlen. Ich habe außerdem auch genuschelt und nie gedacht, ich bin jetzt Goethe. Jeder zweite deutschsprachige Sänger glaubt doch, wenn er sich Mühe gibt, müsse er sich mit deutschsprachiger Literatur von vor 300 Jahren messen.

„Ich versuche, die Sprache zum Tanzen zu bringen“

nordbuzz: Fehlen in Deutschland und Österreich Sprach-Vorbilder in Sachen Pop?

Ernst: Ich finde, schon. Weil wir uns nicht an Nina Simone anlehnen können, glauben wir, uns an der deutschen Literatur der Romantik oder Klassik orientieren zu müssen. Anstatt zu sagen: Wie kann ich es schaffen, dass die deutsche Sprache nicht klingt, als wäre sie geschrieben: pathetisch, groß und hart? Wie kann ich ihr einen Groove geben, damit sie instinktiv und rhythmisch wirkt.

nordbuzz: Wie machst Du das?

Ernst: Ich versuche, die Sprache zum Tanzen zu bringen. Der Groove wird bei uns traditionell unterschätzt. Es ist wahnsinnig wichtig, wie man etwas singt, nicht nur, was man singt. Das ist ein bisschen unser Problem: Soul ist nur eine Idee und kein Selbstverständnis in Deutschland. Um Soul zu generieren, muss man fehlerhaft sein. Man muss sich hinstellen und sich vergessen. Eigentlich muss man einer sein, der schon performt, bevor man einen Song hat.

nordbuzz: Deine Ideen über das deutsche Pop-Problem wirken sehr gut durchdacht. Wo kommt das Intellektuelle bei Dir her? Aus der Kneipe?

Ernst: Vielleicht aus der Klosterschule. Wir sind eine klassische Gymnasiasten-Band aus der österreichischen Provinz. Die dann gemeinsam in Wien mit dem Studieren angefangen hat. Bis auf unseren Gitarristen Mike. Er ist unser Schulabbrecher. Der setzte von Anfang an voll auf Rock'n'Roll und verkörpert das auch in der Band. Die anderen sind eine Weile zweigleisig gefahren. Es war ein permanentes Argumentieren: Wie viel Musik, wie viel Band und wie viel Studium leisten wir uns? Gott sei Dank hat uns die Musik überholt und uns gesagt, wo es langgeht.

tsch

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