Lindemann

Lust auf Tango?

Sie bezeichneten sich einst als die „Pet Shop Boys des Rock&#39n&#39Roll“: Peter Tägtgren (links) und Till Lindemann veröffentlichen ihr zweites gemeinsames Album.
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Sie bezeichneten sich einst als die „Pet Shop Boys des Rock'n'Roll“: Peter Tägtgren (links) und Till Lindemann veröffentlichen ihr zweites gemeinsames Album.

Neue Musik von Till Lindemann, diesmal aber ohne Rammstein: Vier Jahre nach dem Debüt „Skills In Pills“ veröffentlicht der 56-Jährige das verheißungsvolle zweite Album seines Projekts Lindemann.

Ist es krankhafte Arbeitswut? Oder doch eher ein kalkulierter Tapetenwechsel nach all dem Rammstein-Trubel der letzten Monate? Was es auch ist, das ihn antreibt, und wo auch immer er die Zeit dafür findet: Nur ein halbes Jahr nach dem Erscheinen von „Rammstein“, dem ersten Werk seiner Stammband seit 13 Jahren, veröffentlicht Till Lindemann ein weiteres neues Album. Auf „F & M“ kommt es zum zweiten Mal zur Zusammenarbeit mit seinem schwedischen Musiker-Kumpel Peter Tägtgren (Pain, Hypocrisy). Und: Nachdem Till Lindemann im Rahmen des Zwei-Mann-Projekts zuletzt noch auf Englisch gesungen hatte, ist er jetzt wieder zur deutschen Sprache zurückgekehrt.

Ob ihre Musik dem Zeitgeist entspricht, sei ihnen laut Pressetext zum Album „egal“, und hinsichtlich der musikalischen Grenzen von Lindemann erklären die beiden Rocker, die sich einst als „Pet Shop Boys des Rock'n'Roll“ bezeichneten: „Wir haben keine Regeln.“ Wenn man „F & M“ hört, glaubt man das sofort. Schon auf ihrem Debüt „Skills In Pills“ (2015) hatten Lindemann zwischen Metal, Industrial und Techno viel ausprobiert, und diesmal treiben sie es mindestens ebenso bunt.

Harte Metal-Songs mit schneidenden Chören und kreischenden Synthesizern („Steh auf“, „Allesfresser“, „Gummi“) bilden weiterhin den musikalischen Kern. Hier ist die Musik noch einigermaßen vergleichbar mit der von Rammstein, hier wirkt sie aber auch am berechenbarsten. Daneben realisiert Lindemann mit Tägtgren aber auch einige großartige Schnapsideen, die bei Rammstein undenkbar wären. Einen Tango („Ach so gern“) zum Beispiel. Und ein scheinbar ernst gemeintes Wiegenlied („Schlaf ein“), das ganz ohne perversen oder blutigen Twist am Ende auskommt: „Und ist die kalte Nacht vorbei, gibt der Schlaf euch wieder frei.“

Schlaf, Kindlein, schlaf ...

Eine familienfreundliche Version des Skandal-Sängers bekommt man auf „F & M“ trotzdem nicht. In „Allesfresser“ stopft er sich kleine Tierchen „in die Fresse“, in „Gummi“ kriecht das Latex in „jede Ritze“, in „Ach so gern“ küsst Till Lindemann einmal mehr sämtliche Lippen wund, und ja, im Video zu „Knebel“ beißt er einem Aal den Kopf ab.

Den ständigen, krampfhaften Tabubruch, und das ist durchaus angenehm, gibt es auf „F & M“ aber nicht. Womöglich hat auch ein Till Lindemann, inzwischen 56 Jahre alt, irgendwann genug von abgehackten Gliedmaßen und Schlimmerem. Stattdessen schlägt er hier und da sogar recht erbauliche Töne an. „Heute ist ein schöner Tag / Am Himmel fliegen bunte Drachen / Boote schwimmen auf dem See / Wir könnten so viel machen“, singt er etwa in „Steh auf“ - und zwar so, dass man nicht sofort wieder finstere Hintergedanken vermutet.

So ist „F & M“ (vermeintlich benannt nach „Frau & Mann“, einem Song des Albums) eine lockere Sammlung unterschiedlicher Ideen geworden, die vielleicht nicht alle zu Ende gedacht wurden und nicht immer originell sind, die aber doch Lust auf mehr machen. Interessanter und überraschender als das, was man zuletzt bei Rammstein hörte, ist das hier allemal. Demnächst werden Lindemann im Übrigen auch erstmals zeigen, was sie live können - die Deutschlandkonzerte ihrer ersten Tour, die im Frühjahr 2020 durch ganz Europa führt, sind allerdings schon ausverkauft.

teleschau

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