Taylor Swift

Liebe, Politik und manchmal auch gute Musik

Auf „Lover“ hört man viel Pop-Pathos und viel biederen Amerika-Kitsch. Vereinzelt zeigt Taylor Swift aber durchaus, was für eine begabte Songschreiberin in ihr steckt.
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Auf „Lover“ hört man viel Pop-Pathos und viel biederen Amerika-Kitsch. Vereinzelt zeigt Taylor Swift aber durchaus, was für eine begabte Songschreiberin in ihr steckt.

Taylor Swift kehrt mit ihrem siebten Studioalbum zum familienfreundlichen Bubblegum-Pop zurück und stellt vereinzelt ihre Stärken als Songwriterin unter Beweis.

Das vergleichsweise wütende und EDM-lastige Album „Reputation“ wurde 2017 als Reaktion auf allerlei öffentlich gewordene Liebesbeziehungen, Rechtsstreitigkeiten und persönliche Tragödien gelesen. Will man Pop-Musik so strukturalistisch betrachten, ist zum Zeitraum vor „Lover“ vor allem zu sagen, dass Taylor Swift erstmals politisch Stellung bezog. Aufgrund ihrer Country-Wurzeln und ihrer Hautfarbe war die 29-Jährige über lange Zeit die Lieblings-Popsängerin der alternativen Rechten in den USA. Erst im letzten Jahr entschied sie, sich in einem Instagram-Post mit der LGBTQ-Community und mit Rassismus-Opfern zu solidarisieren. Taylor Swift bekannte sich vor den amerikanischen Midterm-Elections sogar zu Kandidaten der Demokratischen Partei, was Donald Trump gar nicht gefiel.

Auf dem Weg zum neuen Album schloss daran die zweite Single „You Need To Calm Down“ an. „Control your urges to scream about all the people you hate / Cause shade never made anybody less gay“, heißt es in der zweiten Strophe. Zum Musikvideo-Dreh fanden sich viele queere Vertreter der Entertainment-Industrie ein. Zahlreiche Kritiker attestierten daraufhin ein kalkuliertes und oberflächliches politisches Statement und übersahen dabei die Ironie ihrer Empörung über einen Song, der Negativdenken und Empörung anprangert.

Ein typisch amerikanisches Lächeln

Unfreiwillige Ironie gab es allerdings aufseiten der Interpretin schon bei der vorherigen Single zu beobachten. „I'm the only one of me / Baby, that's the fun of me“, singt Taylor Swift in „Me!“ mit Gastsänger Brendon Urie (Panik! at the Disco) - in einem Song, der Kinderreime über einen Swift-typischen Marschkapellen-Rhythmus legt und kaum weniger einzigartig sein könnte. Im Musikvideo tanzen Menschen in pastellfarbenen Uniformen und alle sehen gleich aus. Ausgerechnet ein Song, den Swift ihrem aktuellen Lover, dem britischen Schauspieler Joe Alwyn widmet, muss uns dann auch noch versichern, dass die Sängerin immer noch ihre Heimat, Blue Jeans und Whisky liebt und ihr Lächeln typisch amerikanisch ist („London Boy“).

Zwischen überproduziertem Pop-Pathos und biederem Amerika-Kitsch bietet „Lover“ glücklicherweise auch Musik, die atmen kann. Der Opener „I Forgot That You Existed“ beschreibt einen Moment, in dem man sich ganz unaufgeregt darüber bewusst wird, mit einer vergangenen Liebschaft abgeschlossen zu haben. Ein Album, das das Motiv Liebe in all seinen dramatischsten popmusikalischen Erscheinungsbildern durchexerziert, mit einem so ruhigen und selbstzufriedenen Moment zu beginnen, ist eine schöne Entscheidung. Auch der Titelsong „Lover“ (bei dem womöglich auch Alwyn gemeint ist) zeigt, wie gut Swift als schlichte Singer/Songwriterin mit organischem Instrumental funktioniert - man konnte das leicht vergessen, nachdem der stilprägende Country-Pop-Entwurf „1989“ (2014) sie in die großen Stadien katapultiert hatte. Würde man alle Popstars mit einer Gitarre und einem Textblatt einsperren, hat man das Gefühl, dann wäre Taylor Swift den meisten Konkurrenten wahrscheinlich eine ganze Nasenlänge voraus. Leider stellt sie das selten unter Beweis.

teleschau

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