Torres

Königin Silberzunge

Musikalisch rau wie ein Debütalbum, aber ungemein scharf in den Texten: „Silver Tongue“ ist das bisher kurzweiligste Werk von Mackenzie Scott alias Torres.
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Musikalisch rau wie ein Debütalbum, aber ungemein scharf in den Texten: „Silver Tongue“ ist das bisher kurzweiligste Werk von Mackenzie Scott alias Torres.

Die US-Musikerin Torres lässt auf die Trennung von ihrem Label ihr bisher kurzweiligstes Album folgen. Auf „Silver Tongue“ singt sie pointierte Texte über schrille Gitarren.

Das US-Musikmagazin „Pitchfork“ beschrieb Torres' Debütsingle „Honey“ (2013) einst als „Arena-Rock-Moment, der auf einer leeren Bühne passiert“. Auch heute noch stecken in den Songs der Südstaatlerin, vor allem in ihren Gesangsmelodien, oft Ansätze stadionfüllender Hymnen. Dann sind da aber auch noch monotone Schlagzeug-Rhythmen und auf verschiedenen Frequenzen gleichzeitig fiepende Gitarren - da könnte man wieder meinen, man befände sich in einem notdürftig eingerichteten Keller-Proberaum. Selten entlässt Torres ihre Zuhörer in die Genugtuung eines großen, die Spannung auflösenden Refrains.

Dem neuen Album „Silver Tongue“ ging eine nicht gerade freundschaftlich ausgetragene Trennung vom Label 4AD voraus, das die bisherigen drei Alben veröffentlicht hatte. Auf der Strecke blieb außerdem Produzent Rob Ellis, dessen Aufgaben Mackenzie Scott alias Torres diesmal selbst übernahm - es scheint also, als wäre „Silver Tongue“ in größtmöglicher Unabhängigkeit entstanden. Mit knapp 35 Minuten ist es Torres' mit Abstand kürzestes Album, und es ist fokussierter als der elektronisch-verspielte Vorgänger „Three Futures“ (2017). „Last Forest“ etwa dringt zwar kurz in ähnliche Gefilde vor, mündet aber dann in ungehemmt zerrenden Garagenrock.

Persönlich und verletzlich

Was besonders auffällt: „Silver Tongue“ steckt voller pointierter Bemerkungen über Liebe und Intimität. „I tend to sleep with my boots on / Should I need to gallop over dark waters / To you on short notice“, singt Torres auf „Dressing America“. „Two Of Everything“ richtet sich augenscheinlich an die neue Liebschaft ihrer (Noch-)Partnerin: „What was it that made her think / She could have two of everything / One of you and one of me / Forever in the in-between“. Das geht ins Detail und ans Mark und wird trotzdem schnörkellos über die mehrstimmig quietschenden Gitarren gesungen. Laut eigener Aussage tut Torres sich in persönlichen Gesprächen schwer, über Persönliches zu sprechen. In ihren Liedern dagegen ist sie oft konkret, verletzlich und frei von Metaphern.

„Silver Tongue“ ist ein Wort für Redekunst, einen Umgang mit Worten, der sich deren Macht bewusst ist. In Deutschland hatte Ex-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger einst den Spitznamen „König Silberzunge“, weil er geschickt zwischen den Parteien im Bundestag vermittelte. In diesem Fall ist es wohl eine Selbstbeschreibung - etwas eitel, aber auch ziemlich zutreffend. Torres' viertes Album klingt musikalisch rau wie ein Debütwerk, aber ihre Textzeilen sind scharf wie nie. Diese Kombination macht „Silver Tongue“ zu einer spannenden und kurzweiligen Hörerfahrung.

teleschau

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