Marcus King

Der King lebt!

Cowboy-Hut und Western-Hemd täuschen: Marcus Kings stilistische Bandbreite ist bemerkenswert.
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Cowboy-Hut und Western-Hemd täuschen: Marcus Kings stilistische Bandbreite ist bemerkenswert.

Marcus Kings neues Album ist ein „El Dorado“ für alle Fans zeitloser, handgemachter Musik von Country über Soul bis zu Blues- und Southern-Rock.

Mit Cowboy-Hut und Western-Jacket posiert Marcus King auf dem Cover von „El Dorado“ vor einem alten Cadillac. Zusammen mit dem verspielten Retro-Schriftzug legt das eine falsche Fährte, denn es handelt sich nicht um ein Country-Album aus den späten 70-ern, das gerade aus einer Kiste auf einem Schallplatten-Flohmarkt gekramt wurde. Zum einen ist das Album brandneu, zum anderen beschränkt sich das stilistische Spektrum von Marcus King nicht auf Country.

„El Dorado“, das Solodebüt von Marcus King (The Marcus King Band), beginnt mit einer eingängigen Ballade („Young Man Dream“), die mit handgemachten Akustik- und Pedal-Steel-Gitarrenklängen das Kopfkino zu einem Postkarten-idyllischen Traum von Amerika befeuert. Geweckt wird man aus diesem Traum gleich mit dem nächsten Track: „The Well“ ist cooler Blues-Rock, der sich ebenso wie der krachende Southern-Rock-Urschrei „Say You Will“ nicht vor Legenden wie ZZ Top, Neil Young oder Creedence Clearwater Revival verstecken muss. Schon hier wird eine Besonderheit von Marcus King deutlich: die Bandbreite seiner Stimme. Mal Wiegenlied-Timbre, mal weißer Soul, mal lärmend wie eine menschliche Rock-Gitarre. „You know I mean it“, singt Marcus King in „Wildflowers & Wine“. Stimmt! Jede Zeile, die er krächzt wie ein liebeskranker Rohrspatz, klingt nach echtem Schmerz - nach echtem Soul.

Mit 23 Jahren eine Zeitmaschine gebaut

„One Day She's Here“ erinnert an Motown-Klassiker, während „Sweet Mariona“ dem Frühwerk Van Morrisons entstammen könnte. Manchmal, wenn die „Oooh“-Chöre einstimmen, denkt man beim Hören von „El Dorado“ auch an Norah Jones oder Ray Charles. „Turn It Up“ ist der funky Soundtrack zu einem fiktiven Roadmovie, und auch das gutgelaunte Stück „Too Much Whiskey“ schunkelt wie eine als Dampflok getarnte Zeitmaschine durch die Americana-Historie. So wird „El Dorado“ zu einer fesselnden Hit-Sammlung zwischen Blues-Rock, Southern Rock, R'n'B, Soul und Country - inklusive einer Renaissance des verloren geglaubten Gitarren-Solos.

Kaum zu glauben, dass der Singer/Songwriter, der den Hörer hier in die Vergangenheit katapultiert, erst 23 Jahre alt ist. Dass Marcus King sein ganz persönliches Americana-Songbook ausgerechnet in Nashville aufnahm, ist natürlich kein Zufall. Und es erklärt nebenbei den Albumtitel: „Die Stadt aus Gold“ nennt er die Musik-Metropole. Nun hat King sein eigenes „El Dorado“ erschaffen. Der Musikfan steht andächtig vor dieser akustischen Goldgrube und denkt das, was der Auto-Liebhaber angesichts eines besonderen Oldtimers empfindet: So etwas wird ja heute gar nicht mehr gebaut! Manchmal eben doch, wie Marcus King eindrucksvoll beweist.

teleschau

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