Tame Impala

So kauzig kann Pop sein

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Ein Kauz mit Pop-Ideen: Kevin Parker ist der kreative Kopf hinter Tame Impala.

Kevin Parker hat Fans lange auf ein neues Album seines Projekts Tame Impala warten lassen. Mit „The Slow Rush“ gelingt dem Australier eine nuancenreiche Rückkehr, die seinen Status im Mainstream festigt.

Analoge Aufnahmetechnik - Tonbandspulen, ein Oszilloskop. Eine Zeitrafferaufnahme von Los Angeles, eine Field-Recording-Session am Meer. Und mittendrin Tame-Impala-Mastermind Kevin Parker, der selbst aussieht, als käme er aus einer anderen Zeit - so wurde das neue Album des Retro-Rock-Projekts, das erste seit fünf Jahren, in einem Online-Video angekündigt. Der Titel der neuen Platte: „The Slow Rush“.

Parker ist ein Equipment-Fetischist. Er spielt alles selbst ein, schichtet Sound um Sound aufeinander. Erst auf Tour begleiten ihn dann andere Musiker. Anfangs schrieb er nach diesem Prinzip noch Psychedelic-Rock-Stücke, die nah an den 60er-Jahre-Vorbildern blieben. Dann stellte er die analogen Synthesizer und das Prinzip des Loopens immer mehr in den Vordergrund, also die Vorboten der elektronischen Musik, derer sich auch Krautrock-Pioniere wie Can und Cluster schon bedienten.

Ein Hauch von Supertramp

Heute, auf „The Slow Rosh“, ist der Tame-Impala-Sound immer noch kauzig und angestaubt, aber auch: Pop-Musik. Man kann sich immer noch in Parkers Klangtexturen verlieren - in den Gitarrenläufen, die sich durch die ganze Länge von „Breathe Deeper“ oder „Tomorrow's Dust“ ziehen und mal nach hinten und dann wieder nach vorne gemischt werden. Man kann immer noch über die tiefere Bedeutung seiner Experimente sinnieren - der Break in „Breathe Deeper“ klingt, als hätte Parker sich selbst gesamplet, das Outro von „Tomorrow's Dust“ so, als würde man den Song durch die geschlossene Tür eines Musik-Klassenzimmers hören. Man kann sich einen Song wie „Lost In Yesterday“ mit seinem eingängigen Falsett-Gesang und seinem gleichförmig groovenden Beat aber auch ohne Probleme im Formatradio vorstellen. Dass die Texte und der Gesang von Parker zu den fertigen Instrumentalstücken improvisiert werden, hört man. Oft wirken sie dadurch bekömmlich bis banal.

Ein Highlight: Das Stück „It Might Be Time“ erinnert zunächst an Supertramp, die ebenfalls an der Schnittstelle von Prog- und Pop-Musik agierten. Dann setzen ein treibendes Schlagzeug und ein Sirenen-artiger Synthesizer ein und der Song nimmt eine unerwartete Wendung. Kevin Parker betreibt auf „The Slow Rush“ kein vertracktes Prog-Songwriting. Das scheint nicht mehr seine Intention zu sein. Es gelingt ihm aber, Klänge in die extrem diverse Pop-Musik-Landschaft des Jahres 2020 zu tragen, die dort kaum stattfinden. Rechts und links von ihm verschmelzen elektronische Musik, HipHop und Pop ständig zu neuen interessanten Gebilden, aber nur Kevin Parker steht da mit einer E-Gitarre und einem Fuzz-Pedal unterm Arm. Mit „The Slow Rush“ kann er seinen Status im Mainstream weiter festigen, ohne seinen Sound zu verraten.

teleschau

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