King Krule

Kaum mehr als am Leben

König der britischen Grantler und Herumtreiber: Selten erlebte man einen so übellaunigen Pop-Musiker wie King Krule auf „Man Alive!“.
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König der britischen Grantler und Herumtreiber: Selten erlebte man einen so übellaunigen Pop-Musiker wie King Krule auf „Man Alive!“.

Der Nachfolger von King Krules gefeiertem Album „The Ooz“ dokumentiert eine sinn- und antriebsleere Phase im Leben von Archy Marshall. Er entlockt seiner Gitarre auf „Man Alive!“ viel Rauschen und Lärmen und hat durchgehend schlechte Laune, was beim Zuhören aber trotzdem Spaß macht.

Knapp zwei Jahre lang war es ruhig um Archy Marshall aka King Krule - keine Konzerte, keine Musik, und zu den Künstlern, die sich auf Instagram oder Twitter die Zeit vertreiben, gehört der Brite auch nicht. Dabei wurde das 2017er-Album „The Ooz“ von Kritikern zu einem Ausnahmewerk erklärt, das den Schmutz der Unterschicht wieder in die Pop-Musik holt und alle Wirrheit des Menschseins auf Platte presst. King Krule wurde zum König der Grantler und Herumtreiber, die gerade die britische Pop-Musik so reich bevölkern. Was ist seitdem passiert im Leben des King Krule? Zunächst nicht viel: „Alle haben Jobs, nur ich sitze den ganzen Tag auf meinem Arsch, tue oft gar nichts und gehe dann in die Kneipe, wenn sie Feierabend haben“, erklärte er in einem offiziellen Statement. Man hätte eigentlich nichts anderes erwartet von dem dürren und bleichen Mittzwanziger mit dem altmodischen Kleidungsstil. Dann allerdings wurde er Vater, fand darin neue Erfüllung und entsagte der Kneipe. Da war das neue Album „Man Alive!“ aber schon fast fertig. Er sagt dazu gewohnt ehrlich: „Mich langweilt jetzt vieles, worum es auf dem Album geht.“

Ist „Man Alive!“ also eine Momentaufnahme dieser Monotonie und von den letzten Junggesellentagen? Textlich dominieren tatsächlich Sinnleere und die Schwere des Alltags. Auf dem Opener „Cellular“ spricht Archy Marshall mit seinem Fernseher und beobachtet das Weltgeschehen nur in seiner Handfläche. Auf „Supermarché“ geht er dann auch mal vor die Tür und nuschelt, nölt und schreit seine Beobachtungen über einen Metronom-artig monotonen Takt. In „Airport Antenatal Airplane“ ist dann ein echtes Metronom zu hören neben allerlei anderen dumpfen und rauschigen Percussions.

Schlechte Laune, die Spaß macht

„Man Alive!“ klingt reduziert im Vergleich zu den Jazzharmonien und treibenden Beats von „The Ooz“, aber keinesfalls monoton. „Perfecto Miserable“ und „Alone, Omen 3“ wirken im ersten Moment wie Akustik-Balladen, aber im Hintergrund sind mehrere E-Gitarren hoch am Fiepen und tief am Dröhnen, so, als hätte die Drone-Band Sunn O))) sie eingespielt. Manchmal klingt es, als hätte man die Gitarre vor dem Verstärker stehen lassen, damit das Signal in Ewigkeit rückkoppelt, manchmal so, als würde sie während des Spielens verstimmt.

King Krules Songwriting fühlt sich wunderbar zwanglos an - manche Elemente tauchen einmal auf, verschwinden dann und kehren nie wieder, so als hätte der Produzent vergessen, die Spur aufzuräumen. Seine Stimmung allerdings wird bis zum Schluss nicht besser: „Everything just seems to be numbness around / Please complete me / The stars are shattered“, lauten die letzten Zeilen des Albums, die wie ein Hilferuf klingen. Gut zu wissen, dass es King Krule inzwischen Kind sei Dank besser geht, denn „Man Alive!“ ist durchaus passend betitelt: Der Mann, der hier spricht, ist kaum mehr als am Leben. Es ist ein Album, das schlechte Laune und trotzdem Spaß macht und dabei musikalisch ununterbrochen überrascht.

teleschau

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