Rufus Wainwright

Kalifornisches Heilsversprechen

Rufus Wainwright, der "Trapper", der die guten Songs brachte. Sein neues Werk "Unfollow The Rules" ist mit das Beste, was der 46-jährige Künstler seit seinen Anfangstagen mit "Rufus Wainwright" (1998) und "Poses" (2001) geschrieben und aufgenommen hat.
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Rufus Wainwright, der „Trapper“, der die guten Songs brachte. Sein neues Werk „Unfollow The Rules“ ist mit das Beste, was der 46-jährige Künstler seit seinen Anfangstagen mit „Rufus Wainwright“ (1998) und „Poses“ (2001) geschrieben und aufgenommen hat.

Song-Großmeister Rufus Wainwright, der zuletzt für den Klassikbetrieb Opern schrieb, veröffentlicht sein erstes Popalbum seit acht Jahren. Ein bärenstarkes, reifes Werk, das an Joni Mitchell, die Beach Boys und das Beste aus der goldenen Zeit der Westküste erinnert.

Viva Wainwright Cohen, mittlerweile neun Jahre alte Tochter von Rufus Wainwright und Lorca Cohen, Tochter von Leonard Cohen, stampfte eines Tages mit den Füßen auf und sagte in ihrem Zuhause in Laurel Canyon, Kalifornien: „One day I will unfollow the rules.“ Rufus Wainwright, ihr biologischer Vater, der mit seinem deutschen Mann Jorn im früheren Kreativ-Hippie-Paradies bei Los Angeles lebt, nahm den Spruch der jungen Querdenkerin zum Anlass, sein erstes Popalbum seit acht Jahren ebenso zu nennen. „Unfollow The Rules“ enthält zwölf Stücke, die in drei Akte à vier Songs gegliedert sind. Bei der sehr empfehlenswerten, üppigen Vinyl-Veröffentlichung entspricht jeder Akt einer von drei Schallplattenseiten. Außerdem finden sich zu jedem Song Zeichnungen und Liner Notes. Die Themen reichen vom Tribut an große kalifornische Pop-Produktionen (Akt 1) über klassische Rufus-Wainwright-Lebenskampf-eines-Dandys-Nummern (Akt 2) bis hin zum melancholischen Abgesang auf die Gegenwart am Piano (Akt 3).

Was sich sperrig anhört, haben Rufus Wainwright und Kultproduzent Mitchell Froom (Randy Newman, Paul McCartney, Peter Gabriel) in die mitunter schönsten romantischen Popsongs gegossen, die man seit Langem hörte. Stücke wie der Beach-Boys-verliebte Opener „Trouble In Paradise“, die Joni-Mitchell-Hommage „Damsel In Distress“ oder auch die Liebeslieder für seinen Mann Jorn („Peaceful Afternoon“), für sich selbst („Romantical Man“) oder - das vielleicht schönste von allen - für die Liebe selbst („Only The People That Love“) hört man in dieser Opulenz, Qualität und Dichte heute nur noch von Rufus Wainwright. Kritiker des mittlerweile fast 47 Jahre alten Sohnes der Folk-Helden Kate McGarrigle und Loudon Wainwright werden an dieser Stelle einwenden, der Typ könne ja auch ganz schön nerven: mit allzu großen Gesten und viel zu viel dandyesker Selbstreflexion. Ja, diese Gefahr gibt es beim hochbegabten Gefühlsmenschen Wainwright tatsächlich - aber nur in verschwindend geringen Dosen auf diesem Album.

Das Album, eine vom Aussterben bedrohte Kunst

Auf „Unfollow The Rules“ finden sich alle Zutaten in richtiger Menge am richtigen Ort wieder. Die wunderbaren Chor-Arrangements, zurückhaltend eingesetzte Streicher und das genial präzise und seelenvolle Spiel alter Studiorecken wie Jim Keltner (Schlagzeug) dient immer nur - wie es in kalifornischen Edel-Studios von jeher üblich war - dem einen Herren namens Song. Für Rufus Wainwright, der sich zuletzt komplett aus der Popwelt zurückgezogen hatte, um Opern zu schreiben, war der private wie künstlerische Umzug in den kalifornischen Süden äußerst fruchtbar. Hier, wo der in seiner ehemaligen Lieblingsstadt New York krachend gescheiterte Jung-Dandy vor 22 Jahren die Chance bekam, sein erstes Album aufzunehmen, fing alles an. Hierhin kehrt er nun zurück. „Unfollow The Rules“ ist vielleicht das beste Werk Wainwrights seit den frühen Tagen mit den Alben „Rufus Wainwright“ (1998) und „Poses“ (2001).

Ein wenig kokettiert der Sänger aber bereits wieder mit Abschied. Im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau erklärt er: „Ich bin Traditionalist und glaube mit ganzem Herzen an die Kunstform des Songs und auch an die des Musikalbums. Beide Kunstformen sind im gegenwärtigen Business vom Aussterben bedroht. Das Konzept Album sagt jüngeren Generationen nichts mehr - oder es wirkt zumindest sehr archaisch und altmodisch auf sie. Auch die Dichtkunst ist nicht besonders weit vorn, wenn man mich fragt, und sich aktuelle Musik anhört.“ Ja, es ist richtig. Alben wie dieses wirken nicht nur wegen ihres Sounds anachronistisch, sondern auch wegen ihres erzählerisch-gestalterischen Gesamtkonzeptes. Bleibt zu hoffen, dass Rufus Wainwrights Art, Song- und Album-Kunst zu feiern, in Zeiten von Playlists und musikalischem Häppchen-Konsum nicht tatsächlich ausstirbt.

teleschau

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