Jochen Distelmeyer: Songs From The Bottom Vol. 1

Blumfeld bei Kerzenschein

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Auf seinem neuen Album "Songs From The Bottom Vol. 1" spielt Jochen Distelmeyer die Songs anderer Leute zur sparsamen Gitarrenbegleitung. Das klingt sehr schön, aber - wie nicht anders zu erwarten beim ehemaligen Blumfeld-Mastermind: Natürlich steht auch ein Konzept dahinter.

Jochen Distelmeyers zweites Soloalbum ist es eher ein künstlerisches Zwischenwerk des ehemaligen Blumfeld-Sängers. Im Pop-Belcanto zur Akustikklampfe interpretiert der 48-Jährige zwölf englischsprachige Lieblingslieder.

Das Wort von der Altersmilde wird die Runde machen. Jochen Distelmeyer, der 2001 noch von der "Diktatur der Angepassten" sang, interpretiert auf seinem zweiten Solowerk Songs von Britney Spears ("Toxic") oder dem Dance-Bestseller Avicii ("I Could Be The One"). Warum macht der Mann das? Die Songauswahl hat mit Distelmeyers Romandebüt "Otis" zu tun, das vor gut einem Jahr erschien. In dem von den meisten Rezensenten nicht sonderlich freundlich behandelten Werk geht es um eine moderne Odyssee des männlichen Helden durch das Berlin des Jahres 2012. Die zugehörige Lesereise garnierte Distelmeyer mit Coverversionen bekannter Popsongs, die Bezüge zum Roman aufweisen. Lieder von so unterschiedlichen Songwritern und Interpreten wie Al Green, Joni Mitchell und Radiohead. Nun wurden sie gebannt auf "Songs From The Bottom Vol. 1".

Jeder, der die Metamorphose des jungen Distelmeyers von wütenden Gitarrengewittern und lyrisch scharfem Sprechgesang zum Wohlklang der Blumfeld-Alben ab 1999 ("Old Nobody") mitgehen konnte, weiß: Dieser Mann hat eine schöne Stimme. Und wenn er dazu auch noch so beseelt akustische Gitarre spielt wie auf auf dieser Zusammenstellung, kann man im Prinzip nichts gegen diese Musik sagen.

Distelmeyers neues Werk klingt ein wenig so, als hätte man sich Blumfeld für ein Privatkonzert zu Kerzenschein eingeladen, mit der Bitte, nur englischsprachige Songklassiker zu spielen. Welthits wie Lana del Reys "Video Games", "Al Greens "Let's Stay Togehter" oder "Turn! Turn! Turn!" von Pete Seeger beziehungsweise den Byrds wechseln sich mit geheimeren Songklassikern wie "On The Avenue" von Aztec Camera oder "I Read A Lot" von Nick Lowe ab.

Dabei verfährt der Interpret nach dem Prinzip, dass er die Melodien der Originale vollständig erhält und nur da stark vom Originalgeist der Stücke abweicht, wo Vorlagen eben in völlig anderen Genres zu Hause sind. In jenen Fällen, bei denen Distelmeyer zu einer neuartigen Interpretation des Originals gezwungen war, ergeben sich für den Hörer allerdings die interessantesten Darbietungen: bei den erwähnten Songs von Avicii und Britney Spears beispielsweise. Ob man dagegen einen pfeifenden Distelmeyer braucht, der The Verves "Bitter Sweet Symphony" interpretiert, sei einmal dahingestellt.

Wer im Zusammenhang mit dem ehemaligen Blumfeld-Mastermind keine turmhohen Erwartungen in Sachen Kunstanspruch und Wortmächtigkeit hat, wird mit diesen angenehmen, sparsam instrumentierten Melodien gut leben können. Wer mehr erwartet und vor allem deutschsprachige Lyrik, muss wohl auf das nächste Solowerk des gebürtigen Bielefelders warten - es soll schon in Arbeit sein.

Jochen Distelmeyer auf Tournee:

04.03.16, Chemnitz, Atomino

05.03.16, Dessau, Kurt Weill Fest, Beatclub

06.04.16, Dresden, Groove Station

07.04.16, Bremen, Lagerhaus

08.04.16, Magdeburg, Moritzhof

09.04.16, Hamburg, Knust

12.04.16, Essen, Zeche Carl

13.04.16, Bielefeld, Forum

14.04.16, Frankfurt, Brotfabrik

15.04.16, München, Volkstheater

16.04.16, Augsburg, Kantine

18.04.16, Düsseldorf, Zakk

19.04.16, Heidelberg, Karlstorbahnhof

20.04.16, Köln, Gebäude 9

21.04.16, Hannover, Lux

23.04.16, Stade, Hanse Song Festival

10.05.16, Braunschweig, Brunsviga

11.05.16, Berlin, BiNuu

13.05.16, Rostock, Zwischenbau

28.05.16, Husum, Speicher

Bewertung überzeugend
CD-Titel Songs From The Bottom Vol. 1
Bandname/Interpret Jochen Distelmeyer
Genre Pop
Erhältlich ab 12.02.2016
Label Four Music/Sony Music Domestic
Vertrieb Sony Music

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