Joachim Witt im Porträt

„Finde nicht, dass der Mensch etwas Besonderes geleistet hat auf dieser Welt“

Der Mensch - die Krone der Schöpfung? Nicht für Joachim Witt: „Ich bin eher misanthropisch und finde nicht, dass der Mensch etwas Besonderes geleistet hat auf dieser Welt.“
+
Der Mensch - die Krone der Schöpfung? Nicht für Joachim Witt: „Ich bin eher misanthropisch und finde nicht, dass der Mensch etwas Besonderes geleistet hat auf dieser Welt.“

Märchengestalten und düstere Klänge - Joachim Witt veröffentlicht sein 19. Album „Rübezahls Rückkehr“. Im Gespräch verrät der 71-jährige Hamburger, warum er in letzter Zeit so fleißig war, was ihn an Rübezahl fasziniert und warum er Misanthrop ist.

Wenn man Joachim Witt eine himmlische Tugend attestieren wollte, dann wäre das wohl Fleiß. Der Hamburger Musiker ist im Februar 71 Jahre alt geworden, doch Ermüdungserscheinungen sucht man bei ihm vergeblich. Im Gegenteil - im Lauf der letzten sieben Jahre hat Witt stolze sechs Alben sowie eine Live-DVD veröffentlicht. „Das ist, glaube ich, auch bedingt durch mein Alter“, erklärt er im März am Telefon. In Deutschland hat es zu dem Zeitpunkt bereits die ersten Corona-Infektionen gegeben, doch wie sehr die Welt sich durch das Virus verändern würde, ahnt da noch niemand. „Die Zeit nach vorne wird immer kürzer, und ich habe das Gefühl, ich müsste noch so viel machen. Ich will jetzt nicht von Panik sprechen, aber es ist einfach so, dass ich noch eine Menge ausprobieren möchte.“ Mit „Rübezahls Rückkehr“ veröffentlicht Witt nun sein insgesamt 19. Album.

Rübezahl, so heißt bekanntlich der Berggeist des Riesengebirges. „Den Namen fand ich schon immer cool“, erklärt Witt. „Es gab ja Ende der 50-er diesen Märchenfilm namens 'Rübezahl', den habe ich als Kind gesehen. Die Figur ließ mich danach nicht mehr los.“ Um Rübezahl ranken sich viele Sagen und Märchen. Launisch soll er sein - in einem Moment gerecht und hilfsbereit, im nächsten arglistig und ungestüm. „Er wird aber auch als Wächter der Natur bezeichnet. Er achtet darauf, dass die Natur nicht zerstört wird“, ergänzt Witt. „Das passt sehr gut in unsere aktuelle Zeit und das Lebensgefühl. Bei allem Wankelmut achtet Rübezahl darauf, dass die Leute sich untereinander gerecht und fair verhalten, und er schreitet ein, wenn es nicht so ist. All das passt irgendwie zu dem, was ich gerade fühle.“

Joachim Witt: Endlich „angekommen“

Schon vor zwei Jahren hat Witt ein Album mit dem Titel „Rübezahl“ veröffentlicht, es war eines seiner bis dato düstersten Alben. Orchestrale Arrangement trafen darauf auf harte Gitarren. „Ich habe ja in der Vergangenheit immer viel ausprobiert und mich oft total verändert“, holt Witt aus. „Jetzt empfinde ich es das erste Mal so, dass ich wirklich angekommen bin. Der Sound, die Aussage, das ganze Konzept - ich fühlte mich mit dem Album 'Rübezahl' so wohl, dass ich in diese Richtung gerne weiterarbeiten wollte.“

Tatsächlich hat Joachim Witt sich im Lauf seiner Karriere immer wieder neu erfunden. Der Durchbruch gelang ihm Anfang der 80-er mit der Single „Goldener Reiter“ (1981); mit den Alben „Silberblick“ (1980) und „Edelweiß“ (1982) wurde er zu einem der bekanntesten Künstler der Neuen Deutschen Welle. Als der Erfolg mit den Folgealben nachließ, orientierte er sich in Richtung Rock und sang zwischenzeitlich sogar auf Englisch. 1998 nahm er gemeinsam mit dem Hamburger Synthpop-Sänger Peter Heppner die Single „Die Flut“ auf, die zum größten Erfolg seiner Karriere wurde. Mit den folgenden Veröffentlichungen wandte Witt sich stilistisch der Neuen Deutschen Härte zu, bevor er 2014 mit „Neumond“ elektronische und tanzbare Töne anklingen ließ. Zuletzt nahm er seine größten Hits mit Orchester neu auf.

Joachim Witt: „Ich bin eher misanthropisch“

Bei allem Erfindungsreichtum eckte Witt aber auch immer wieder an - mit seinen sozialkritischen Texten, aber auch mit seinen Videos. Der Clip zu seiner Single „Gloria“, in dem Bundeswehrsoldaten eine Frau missbrauchen, wäre 2012 beinahe auf dem Index gelandet. Auch das neue Album „Rübezahls Rückkehr“, das musikalisch noch etwas härter als der Vorgänger ausfällt und textlich um die beiden Themenschwerpunkte Beziehung und Gesellschaft kreist, bietet manche unbequeme Zeile. Zum Beispiel, wenn Witt in „Geist das Licht an“ von Toten singt, die die sonnigen Straßen säumen, und im Refrain fordert: „Bringt wieder Frieden ins Land“. „Kriege im Allgemeinen und insbesondere auch der Syrienkonflikt haben mich zu dem Song inspiriert“, erklärt er. „Leidtragend ist immer die Bevölkerung, auf deren Rücken diese Kriege ausgetragen werden. Diese Verzweiflung und diese Hilflosigkeit finde ich ganz furchtbar. Das dringt so ins Herz ein, dass es mir ein Bedürfnis ist, das entsprechend hervorzuholen und mit meinen Gedanken auszudrücken.“

In „Kopfschwul“ derweil singt Witt, der bereits 2002 einen Song mit dem Titel „Ich bin schwul“ aufnahm, von Liebe zu Männern. „Ich habe Zeit meines Lebens immer mit vielen Schwulen zu tun gehabt, und obwohl ich hetero bin, ist Homosexualität für mich so normal, dass ich darüber eigentlich gar nicht diskutieren möchte“, erklärt er. „Der Begriff 'Kopfschwul' kommt daher, dass ich ein paarmal die Situation hatte, dass ich mich auf platonischer Ebene in einen Mann verlieben konnte. Es ist aber immer platonisch geblieben. Also fragte ich mich, wie man das wohl bezeichnet. Kopfschwul. Dieses Gefühl wollte ich unbedingt aufschreiben. Außerdem möchte ich mit dem Song auf diese Community hinweisen - in der Hoffnung, dass man es endlich mal als selbstverständlich empfindet.“

Und dann ist da noch „Windstille“. In dem Song, den Witt als Résumé bezeichnet, geht es darum, was einem das Leben bedeutet und ob es schlimm ist, wenn man nicht mehr lebt. „Wenn ich jetzt meine direkte Umgebung verlassen müsste, fände ich das schon traurig. Aber grundsätzlich ist es mir eigentlich egal“, konstatiert Witt. „Ich bin eher misanthropisch und finde nicht, dass der Mensch etwas Besonderes geleistet hat auf dieser Welt. Diese Aggression in den Köpfen der Menschen, dieses Durchsetzen gegen andere, immer besser sein zu wollen, diese Unterdrückung und Gewalt - irgendwann ist man extrem genervt davon, weil es sich ständig wiederholt. Spaß macht eigentlich nur die eigene Umgebung, wenn man mit Menschen umgeben ist, mit denen man Liebe oder Sympathie verbindet. Das ist für mich das einzige, was mich hier hält.“

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare