Vor dem Rohrkrepierer gerettet

Jain: Souldier

Die französische Sängerin Jain wurde mit ihrem englischsprachigen Power-Pop in ihrer Heimat ein Star.
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Die französische Sängerin Jain wurde mit ihrem englischsprachigen Power-Pop in ihrer Heimat ein Star.

Die französische Sängerin Jain wurde mit ihrem englischsprachigen Power-Pop in den letzten Jahren in ihrer Heimat ein Star. Ihr zweites Album „Souldier“ ist ein Auf und Ab.

Eigentlich sollte man meinem, dass einem in Zeiten der gelebten Globalisierung kein krasser Hit mehr verborgen bleibt, egal in welchem Land er seinen Ursprung hat. So einen Hit hat die Französin Jain mit „Come“ vor drei Jahren abgeliefert. Sie sammelte fast 90 Millionen Aufrufe allein auf YouTube und schoss auf Platz 1 der Charts in Frankreich und Belgien. Nur in Deutschland glich die karrieretechnische Riesenexplosion eher einem kleinen Feuerwerk. Mit ihrem zweiten Album „Souldier“ liefert sie jetzt zehn weitere Songs, die mit ihrem lauten Power-Pop am besten im Radio oder auf Partys funktionieren.

Die vielfältigen Einflüsse, die die 26-Jährige in ihrer bewegten Biografie samt Wohnorten in Dubai, der Republik Kongo und den Vereinigten Arabische Emiraten aufgesogen hat, hört man „Souldier“ an. „Flash“ ist ein moderner Disko-Draufgänger, und schon danach gibt es karibische Steeldrums bei „Alright“. Die Melodien allerdings verändern sich nicht besonders, es gibt hauptsächlich sommerliche Vibes. So klingt das anschließende „Oh Man“ wie ein Remix des vorher gehörten nur mit Xylophon-Sounds anstatt Steel Drums.

Auch lyrisch kann Jain mit ständig wiederholten englischen Zeilen nicht davon ablenken, dass die Stücke alle stur und ungebremst auf eine Wand zu rennen. „Things gonna be alright / things gonna be just fine“ klingt mehr nach Grundschulreim, als nach wirkungsvollen Feel-Good-Mantra. Im Hintergrund klatscht dabei die Snare so stupid wie ein Fernsehgarten-Publikum. Dass man bei so viel offensiver gute Laune nicht schon früh zusammenbricht ist, ist den ständig wechselnden Instrumenten zu verdanken. „Inspecta“ schafft es in der Albummitte mit Zirkusmelodie und einem Beat, der stampft, wie dressierte Elefanten, im nötigen Moment einen Höhepunkt zu setzen. Jain rappt selbstbewusst und klingt so erfrischend international wie Mavi Phoenix.

Schade nur, dass es schon kurz danach wieder nach altbekanntem Plan läuft. Dieses Mal ist bei „Star“ eine synthetische Trompete dabei, die ziemlich krächzt, und man ärgert sich erneut über die fehlende lyrische Finesse, wenn es heißt: „Your gonna be a star, but you don't know who you are“. Zum Glück wabbert „Feel It“ am Ende etwas zurückgenommener und wird von ausladenden Synthieflächen kontrastiert. Das sorgt tatsächlich für Abwechslung. „Abu Dhabi“ bietet im Anschluss mit orientalischen Sounds einen weiteren Höhepunkt, bevor der Titelsong kurz per Akustik-Gitarre Intimität vortäuscht, um dann mit Bläsern aufgepustet zum perfekten Rausschmeißer zu werden.

Einen Überhit wie das frühere „Come“ sucht man auf „Souldier“ trotzdem vergebens. Jain schafft es, in der zweiten Albumhälfte den Notfallplan zu aktivieren und einen möglichen Rohrkrepierer gerade noch vor dem verfrühten Kollaps zu retten. Raketenartig in die höchsten Sphären zu schießen, ist mit solch einer qualitativen Achterbahnfahrt leider nicht drinnen, aber bei so viel Energie wird Jain in Zukunft sicher noch einige Überraschungen bereithalten.

teleschau

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