Gil Scott-Heron

Inspiration durch einen Toten

+
Der legendäre Gil Scott-Heron, für viele der Erfinder des Rap, ist 2011 verstorben. Trotzdem erscheinen nun zwei neue Alben des Godfathers of HipHop.

Der 2011 verstorbene Gil Scott-Heron, er gilt als Urvater des HipHop, veröffentlichte vor genau zehn Jahren sein letztes Werk. Nun gedenken ein furioses Remix-Album sowie ein Bonus-Werk mit unveröffentlichten Aufnahmen Scott-Herons Erbe.

Biografien, so schillernd wie die des Poeten, Musikers. Politkämpfers und Drogenwracks Gil Scott-Heron, scheint es heute nicht mehr zu geben. 1949 kam er in Chicago zur Welt, sein Vater - ein jamaikanischer Fußballspieler - machte sich früh vom Acker und wurde der erste schwarze Profi bei Celtic Glasgow. Zuvor hatte er seinem Sohn das Klavierspielen und Lesen beigebracht. Der intelligente Junge wuchs während seiner frühen Jahre bei der Großmutter in Tennessee auf. Später besuchte er gute Universitäten und veröffentlichte bereits 1970 einen Debütroman, der viel Beachtung fand. Auf Initiative des Musikproduzenten Bob Thiele experimentierte Scott-Heron bald auch mit Jazz-Musikern. Ab Mitte der 70-er wurde er als schwarzer Poet, der sozialkritische, aber auch immer von bitterer Ironie gebrochene Texte schrieb, dann ein richtiger Popstar. 1975 verpflichtete Clive Davis Scott-Heron als ersten Künstler für das neue Label Arista Records. Mit Hits wie „The Bottle“ oder „Johannesburg“ feierte er dort kleinere Erfolge, wurde aber vor allem mit der aufkommenden HipHop-Bewegung während der 80-er als einflussreicher Künstler der schwarzen Community entdeckt.

Musiker wie Kayne West, Ice-T, Chuck D, Common oder Melle Mel beziehen sich auf Scott-Herons starken Einfluss. Viele HipHopper haben Passagen aus Scott-Heron Alben gesampelt. Die besondere, so unvergleichlich lässige Stimme des Mannes, der immer ein bisschen wie eine Mischung aus Hippie und Obdachlosem aussah, war dabei auch hin oder wieder zu hören. Nach einer langen Pause nahm Gil Scott-Heron 2010 ein letztes Album auf, das von der Kritik gefeiert wurde. „I'm New Here“ klang erstaunlich modern. Das Album entfernte sich vom klassischen Jazz-Funk der alten Werke und integrierte Scott-Herons besondere Lyrik und seinen Vortrags-Flow in einen wilden, aber geschmeidig wirkenden Stilmix aus Post-Blues, Minimal Electronic und Spoken-Word-Music. Noch bevor Scott-Heron, der wegen Kokain-Besitzes schon mal ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte, 2011 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung starb, hatte er sein Okay für ein Remix-Album des englischen Musikproduzenten Jamie xx gegeben, das noch 2011 erschien. Auch der The-xx-Mastermind gilt als großer Fan des amerikanischen Musikers. Zehn Jahre nach „I'm New Here“ erscheinen nun zwei weitere Bearbeitungen respektive „Verlängerungen“ von Gil Scott-Herons Abschiedswerk.

Zwei neue Gil Scott-Heron-Alben, bitte!

Das künstlerisch interessantere Album ist sicher „We're New Again - A Reimagining by Makaya McCraven“. Der Chicagoer Musiker Makaya McCraven ist Schlagzeuger, Sample-Künstler, Beatmaker und Produzent. Er gilt derzeit als eine der aufregendsten und originellsten Größen im modernen Jazz. Wie Jamie xx vor neun Jahren durfte auch McCraven das beeindruckende Spätwerk noch einmal neu aufnahmen und dabei auf Stimme und Zeilen Scott-Herons zurückgreifen. Ansonsten lässt er seinen Beats und Sounds freien Lauf. Im Vergleich zum Jamie-xx-Album von 2011 ist McCravens Ansatz organisch-fließender und orientiert sich mehr an Scott-Herons Jazzfunk der 70-er, jedoch ohne „retro“ zu wirken. Die fließenden, manchmal glockenartigen Gitarren, die präzisen, kreativen Beats und schöne, zurückhaltende Chöre, gleich im Eröffnungsstück „Broken Home, Part 1“ zu hören - man muss sagen: Makaya McCravens Bearbeitung ist äußerst gelungen, wild und überaus abwechslungsreich von Track zu Track. Sogar wunderbar jazzig gesetzter Old Shool HipHop steckt in dieser Platte immer wieder drin („Running“).

Neben dem prickelnd kreativen „Reimagining“-Album McCravens könnte man die Wiederveröffentlichung des Original-Werkes unter dem Namen „I'm New Here (10th Anniversary Expanded Edition)“ fast unter den Tisch fallen lassen - wäre da nicht ein für Scott-Heron-Enthusiasten beiliegendes Bonus-Album, das zehn weitere, damals unveröffentlichte Aufnahmen der „I'm New Here“-Session bereithält. Unter den Titeln befinden sich Coverversionen wie „Handsome Johnny“ von Richie Havens, „I'll Take Care Of You“ von Bobby „Blue“ Bland, Bill Callahans „I'm New Here“ und Robert Johnsons „Me And The Devil“. Auf dem Bonus-Album geht es dann im Vergleich zu den Remix-Werken ein wenig puristischer zu - das gewichtige künstlerische Erbe des großen Songpoeten Gil Scott-Heron wird aber auch hier noch einmal deutlich.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare