The Killers

„Ich muss mich und mein Leben ein bisschen umstellen“

Mit "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" hat Brandon Flowers nichts am Hut. Ihn beschäftigen ganz andere Themen, wie der Sänger von The Killers im Interview verrät: "Richte ich mich zugrunde, indem ich versuche, als Musiker erfolgreich zu sein? Verbringe ich genug Zeit mit meinen Kindern?"
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Mit „Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ hat Brandon Flowers nichts am Hut. Ihn beschäftigen ganz andere Themen, wie der Sänger von The Killers im Interview verrät: „Richte ich mich zugrunde, indem ich versuche, als Musiker erfolgreich zu sein? Verbringe ich genug Zeit mit meinen Kindern?“

„Man muss kein übler Typ sein, um cool zu sein“, sagt Brandon Flowers, der sich vom Rock-Klischee „Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ inzwischen verabschiedet hat. Auch, weil er sich zunehmend mit dem Ende seines Daseins beschäftigt, wie er im Interview erklärt.

Vor 16 Jahren veröffentlichten The Killers ihr Debütalbum „Hot Fuss“. Seitdem hat die Rockband aus Las Vegas über 28 Millionen Tonträger verkauft und weltweit Stadien gefüllt. Doch während es erfolgstechnisch immer weiter bergauf ging, durchlebte Sänger Brandon Flowers privat eine schwere Zeit, denn seine Frau litt in den vergangenen Jahren unter schweren Depressionen. War das letzte The-Killers-Album „Wonderful Wonderful“ (2017) noch ein Resultat jener Erfahrungen, so geht es nun in „Imploding The Mirage“ um das Licht am Ende des Tunnels. Im Interview verrät der 39-Jährige, was ihm und seiner Frau geholfen hat, warum er von Las Vegas nach Utah zog und warum er der Meinung ist, sein Leben umstellen zu müssen.

nordbuzz: Herr Flowers, das neue Album Ihrer Band trägt den Titel „Imploding The Mirage“. Welches Trugbild würden Sie gerne einreißen?

Brandon Flowers: Ich bin daran gewöhnt, dass Dinge implodieren, schließlich komme ich aus Las Vegas (lacht). Ich nutze diese Metapher, um zu beschreiben, was ich durchgemacht habe - halb verspielt, halb ernst. Es geht dabei um eine falsche Vision oder Interpretation davon, wie oder wer man sein sollte.

nordbuzz: Das müssen Sie erklären.

Flowers: Im Laufe der letzten zwölf Jahre habe ich erkannt, was für ein Künstler ich sein möchte und welche Möglichkeiten es für mich gibt. Ich war sehr jung, als wir mit der Band anfingen, und bin so manchem Irrtum darüber, was Rock'n'Roll ist, erlegen. Wenn du eine Band gründest, denkst du, dass du auf eine gewisse Art und Weise leben musst, wenn du authentisch sein willst. Aber so bin ich nicht groß geworden, also hatte ich einen ständigen Kampf in mir. Jetzt, wo ich auf die 40 zugehe, drei Kinder habe und verheiratet bin, beginne ich mich wohler damit zu fühlen, wer ich wirklich bin.

nordbuzz: Sind Sie also eher der Familienvater, der beide Beine auf dem Boden hat, als der Rockstar, der für Sex, Drugs & Rock'n'Roll steht?

Flowers: So kann man es sagen. Leute wie Tom Petty, Bruce Springsteen oder auch Folk-Musiker wie Bob Dylan und John Prine, die ich später entdeckte, haben mir gezeigt: Man kann kreativ sein, ohne irgendeine Fassade aufsetzen zu müssen. Man muss kein übler Typ sein, um cool zu sein (lacht).

„Ich fühle mit allen, die ähnliche Probleme haben“

nordbuzz: Vor den Aufnahmen Ihres neuen Albums veränderte sich vieles in Ihrem Leben: Gemeinsam mit Ihrer Familie zogen Sie nach Utah um. Warum war es an der Zeit, Las Vegas zu verlassen?

Flowers: Es war einfach notwendig, für meine Familie und vor allem für meine Frau. Wir mussten an einen Ort ziehen, an dem es nicht spukt. Las Vegas ist für meine Frau verflucht. Utah derweil hat in ihrem Leben absolut keine Bedeutung. Sie war noch nie vorher dort und verbindet keinerlei Erinnerungen mit diesem Ort. Hier schneit es - sie hat noch nie Jahreszeiten erlebt! Und überhaupt ist alles frisch und neu. Wir fangen hier komplett von vorne an und das ist wirklich wundervoll.

nordbuzz: Wobei Sie selbst als Kind schon in Utah lebten. Was für Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Ort?

Flowers: Utah ist mir wirklich sehr vertraut und ich empfinde hier eine große Portion Nostalgie, was ich so nicht erwartet hätte. Es war hier in Utah, als ich zwölf oder 13 Jahre alt war, dass ich mich in die Musik verliebte, und es kommt mir vor, als würde ich Musik im Moment wieder mit dem gleichen Ohr hören. Meine Familie und ich wohnen in Park City, 20 Meilen östlich von Salt Lake City, direkt an der Wasatch Range - auf derselben Bergkette, neben der ich damals lebte.

nordbuzz: Mitten in der Natur statt in der Künstlichkeit von Las Vegas ...

Flowers: Genau. Ich liebe Las Vegas, ich liebe die Wüste. Aber in Las Vegas ist es Usus, dass ein Casino abgerissen wird, nur um es dann durch ein noch größeres und glänzenderes Casino zu ersetzen. Die Idee hinter unserem Umzug war, an einen Ort zu gehen, der für die Ewigkeit ist - wie eben ein Berg. Und das wiederum war der Ausgangspunkt für unser neues Album.

nordbuzz: Das letzte Killers-Album „Wonderful Wonderful“ war das Resultat einer düsteren Zeit, in der Ihre Frau mit Depressionen aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hatte. Auf „Imploding The Mirage“ handeln viele Songs von der Liebe und davon, schwierige Zeiten hinter sich zu lassen. Ist dieses Album das Licht am Ende des Tunnels?

Flowers: Absolut. Da sind aber auch Songs, die erklären, wie wir an diesen Punkt gekommen sind. „Blowback“ zum Beispiel handelt von der Vergangenheit. Es ist fast so, als würde ich mit der Erfahrung von heute mit meinem jüngeren Ich sprechen und ihm raten, bei meiner Frau zu bleiben.

nordbuzz: Wie haben Sie Ihre Ehe durch diese schwierige Zeit gerettet?

Flowers: Zum Glück konnten wir für meine Frau Hilfe suchen und sie fand einen wirklich tollen Therapeuten. Eine konkrete Diagnose zu bekommen, hat auch mir geholfen zu verstehen, was überhaupt los war. Ich fühle mit allen, die ähnliche Probleme haben und sich keinen Therapeuten leisten können. Daran müssen wir dringend arbeiten. Nicht nur in Amerika - ich bin mir sicher, die ganze Welt könnte da besser werden. Ansonsten: Ausdauer und Beharrlichkeit haben uns sicherlich geholfen. Ich wurde so erzogen, diese Dinge sind tief in mir verwurzelt. Dass die Ehe unendlich ist, bis das der Tod einen scheidet.

„Wenn ich Glück habe, habe ich die Hälfte hinter und die Hälfte vor mir“

nordbuzz: Davon, dass Sie mit dieser Einstellung zu einer aussterbenden Gattung gehören, singen Sie in dem Song „Dying Breed“ ...

Flowers: Das klingt altmodisch, aber das ist etwas, wofür ich stehe und woran ich glaube. Ich habe eine große Familie, meine Eltern trafen sich, als sie 15 waren. Und ich bin dankbar, dass ich bei meiner Frau geblieben bin und mein Versprechen erfüllen konnte, denn jetzt erhalten wir die Belohnung dafür.

nordbuzz: Glauben Sie an die ewige Liebe, an die eine Person, die für einen bestimmt ist?

Flowers: Ich glaube daran, dass man, selbst wenn es mal Unstimmigkeiten gibt, zusammenwachsen kann. Wenn man allerdings nach einer Person sucht, die wirklich jede Kleinigkeit erfüllt, wird es schwer. In „Running Towards A Place“ frage ich am Ende „Can two become one?“ Das ist etwas, worüber ich viel nachdenke. Und ich habe festgestellt: Je älter ich werde, desto besser kennen und desto mehr lieben wir uns. Es ist nicht perfekt, aber es dauert eben, bis man an den Punkt kommt, und wir befinden und auf einem guten Weg dorthin.

nordbuzz: In „When The Dreams Run Dry“ fragen Sie sich auch, wie viel Zeit ihnen auf dieser Welt noch bleibt, und kommen zu dem Schluss: „We're all gonna die“. Beschäftigt Sie der Tod?

Flowers: Mit 37 hat in mir etwas Klick gemacht. Ich erkannte: Wenn ich Glück habe, habe ich die Hälfte hinter und die Hälfte vor mir. Die Endlichkeit des Lebens wird mir zunehmend bewusster und ich frage mich, was ich mit der Zeit, die ich habe, machen möchte. Richte ich mich zugrunde, indem ich versuche, als Musiker erfolgreich zu sein? Verbringe ich genug Zeit mit meinen Kindern? Diese Fragen beschäftigten mich in letzter Zeit sehr, und ich glaube, ich muss mich und mein Leben ein bisschen umstellen.

nordbuzz: Dabei hat man manchmal den Eindruck, Sie können gar nicht anders, als zu arbeiten - schließlich haben Sie in den Pausen von The Killers schon zwei Soloalben aufgenommen.

Flowers: Es fällt mir schwer, nicht zu arbeiten, das stimmt. Ich habe einfach diesen Antrieb und dieses Verlangen, Songs zu schreiben, die anderen Leuten genau das Gefühl geben, das ich beim Hören gewisser Songs empfinde. Das zu erreichen, ist gar nicht so leicht und es führt dazu, dass ich immer wieder zur Arbeit zurückkehre.

nordbuzz: „Imploding The Mirage“ ist das erste The-Killers-Album, das ohne Gitarrist Dave Keuning entstand. Stattdessen holten Sie Kollaborateure wie Lindsey Buckingham, der mit Fleetwood Mac bekannt wurde, und Adam Granduciel von The War on Drugs ins Boot. Wollten Sie bewusst etwas Neues probieren?

Flowers: Es ist immer gut, Neues auszuprobieren, und je älter ich werde, desto mehr reizen mich Kollaborationen. Statt selbst die Kontrolle über alles zu übernehmen, gefällt es mir, wenn andere Leute sich und ihre Ideen einbringen. Ein großer Teil der Songs entstand mit dem Produzenten Shawn Everett und Jonathan Rado von dem Psychedelic-Rock Duo Foxygen. Sie hatten total Bock auf dieses Album und sind beide wundervolle Musiker und Menschen. Ich freue mich schon drauf, auch in Zukunft mehr zu kollaborieren.

Ein Bild als weiteres Bandmitglied?

nordbuzz: Ergänzend zum Album wird es einen Kurzfilm des Regisseurs Sing Lee geben. Was hat es damit auf sich?

Flowers: Der Film basiert lose auf unserem Album. Die bisher veröffentlichten Musikvideos sind Ausschnitte daraus. Wir mischen uns bei unseren Videos normalerweise nicht zu sehr ein, dieser Kurzfilm ist also etwas ganz Neues für uns. Wir gaben Sing das Album und er stellte mir eines Tages eine ganze Menge Fragen dazu. Danach ließen wir ihm dann aber freie Hand bei der Umsetzung.

nordbuzz: Der Film ist nicht der einzige visuelle Aspekt des Albums. Sowohl Single- als auch das Albumcover stammen von dem amerikanischen Künstler Thomas Blackshear. Was fasziniert Sie so an seinen Bildern?

Flowers: Ich liebe Landschaften und er malt häufig Western-Landschaften, kombiniert mit spirituellen Gemälden und Skulpturen. Das Bild, das wir als Albumcover benutzen, heißt „Dance of the Wind and Storm“, und es verbindet beides. Es beeindruckte mich sofort, als ich es sah, und es passte perfekt zu den Songs, die wir bis dahin geschrieben hatten. Also druckte ich das Bild aus und hängte es, wo immer wir gerade arbeiteten, an die Wand. Es wurde fast so etwas wie ein Bandmitglied. Wann immer ich mit Sounds oder Texten nicht weiterkam, stellte ich mich davor, starrte es an, und plötzlich war ich in der Lage, den Song fertigzustellen.

teleschau

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