Jasmin Tabatabai

Ein Hoch aufs Gehauchte

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Feine Klänge und viel Platz für Lyrik in vier Sprachen: Jasmin Tabatabai veröffentlicht mit „Jagd auf Rehe“ ihr drittes Chanson-Jazzalbum unter der Regie des Schweizer Komponisten und Musikers David Klein.

Die Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai veröffentlicht ihr drittes Jazz-Chansonalbum mit dem Schweizer Musiker David Klein. Ein Hoch aufs Gehauchte - und die Kraft der Lyrik.

Jasmin Tabatabai beginnt ihr neues Album mit einer Neuvertonung des Schubert-Liedes „Ständchen“ zu dräuenden Jazz-Akkorden ihrer Kombo, die den Arrangements des Schweizer Musikers und Komponisten David Klein folgt. Ganz schön viel Kultur für eine autodidaktische Sängerin, die früher mal in der Indie-Country-Band Even Cowgirls Get The Blues spielte und kurz danach mit Katja Riemann und Nicolette Krebitz die Frauenrockband Bandits für den gleichnamigen deutschen 90-er Kinoblockbuster erfand. Seit 2011 jedoch macht die singende Schauspielerin („Letzte Spur Berlin“) in Chanson-Jazz, was bereits nach ihrem ersten Werk „Eine Frau“ mit einem Jazz-Echo ausgezeichnet wurde. Es folgte „Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist“ (2016), und nun erscheint das neue Werk „Jagd auf Rehe“, dessen Titel auf eine mysteriöse persische Liebesweise anspielt.

Tatsächlich passen Sound, Musik und Sängerin gut zusammen, auch wenn die Auswahl der Titel enorm heterogen erscheint. Tabatabai singt nämlich abwechselnd in vier Sprachen und spannt in ihrem Repertoire einen kühnen, weiten Bogen von Schubert über Annie Lennox zu den Beatles. Dazu mischt die 52-Jährige Reinhard-Mey- und Hildegard-Knef-Klassiker mit persischen Folk-Songs oder auch mal einem französischen Chanson. Im Sinne einer durchgängigen Album-Stimmung ist diese Idee vielleicht nicht gut, allein weil man bei den Mey- („Männer im Baumarkt) und Dietrich-Texten (“Mein Mann ist verhindert") ob des gehobenen Wortwitzes zum genauen Hinhören verdammt ist, während man sich ansonsten gern in den wirklich tiefgründigen Ensemble-Jazz hineinfallen lassen mag. David Klein (Saxofon) realisiert den satten, warm fließenden Sound mit seinen Getreuen Olaf Polziehn (Piano), dem Bassisten John Goldsby sowie dem Drummer Hans Dekker (beide WDR Big Band).

Vom deutschen Baumarkt in die persischen Berge

Aufgrund der Titel-Auswahl gerade der deutschen Stücke hat Tabatabais neues Album trotz seiner Kunstfertigkeit natürlich auch etwas Altmodisches, das an gehobene Chansonabende in der Kur-Konzertmuschel oder an Auftritte bei „3nach9“ erinnert. Trotzdem bringt gerade Tabatabais wunderbar sanftes, gehauchtes Timbre auch eine ungeheure Lässigkeit in die Musik, die „live“ (Termine ab September) dann noch mal einen besonderen Reiz entfachen könnte. Wenn es um englischsprachige Titel geht, haben Klein und Tabatabai ebenfalls keine Angst vor großen Namen und oft interpretierten Stücken: „Hey Jude“ muss man in einer Welt, die nicht wie im Danny-Boyle-Film „Yesterday“ die Beatles vergessen hat, erst noch einmal schambefreit covern, ebenso wie Annie Lennox' „Why“ oder Nick Drakes „Riverman“.

Auch ein persisches Lied gehört zum Alben-Standard-Konzept der Halbiranerin, deren persischer Vater und deutsche Mutter sich einst beim Münchener Oktoberfest kennenlernten. Die Zeile des Albumtitels „Jagd auf Rehe“ entstammt diesem Titel, „Shekare Ahoo“, dem Gesang eines Liebesverwundeten, bei dem man nie so genau sagen kann, ob es ein Mann oder eine Frau ist oder welches Geschlecht das Objekt der Begierde - der oder die Herzensbrechende - aufweist. Im Persischen gibt es nämlich kein Geschlecht, sagt Tabatabai im Interview mit der Agentur teleschau, „was alle Liebeslieder zu etwas Mysteriösem“ macht.

Zurückgenommen, hoch konzentriert und voller Melancholie spielt die Musik auf diesem dritten Album des Duos Tabatabai-Klein, sodass ein Sound entsteht, in den man sich als Liebhaber von Schnittstellenklängen zwischen Jazz und Chanson gerne hineinsetzen möchte. Wen die Brüche zwischen den Sprachen und Themen nicht stören - von den deutschen Baumarkt-Männern eines Reihard Mey bis zu Nick Drakes „Riverman“ oder den persischen Rehen in den Liebesbergen ist es ein bisweilen sperriger Weg -, der kann mit den feinen, gut abgehangenen Akustik-Klangperlen der Jasmin Tabatabai sicher einen schönen Candlelight-Abend verbringen.

Jasmin Tabatabai auf Tour:

05.09.2020 Gladbeck, Mathias-Jakobs-Halle

12.09.2020 Monheim, Alte Aula

02.10.2020 Lörrach, Burghof

30.10.2020 Dresden, Jazztage

31.10.2020 Magdedurg, Theater

01.11.2020 Nauen, Havelländische Musikfestspiele

10.11.2020 Berlin, Jüdische Kulturtage

04.03.2021 Trier, Theater

11.03.2021 Halle, Kurt Weill Fest

13.03.2021 Bad Elster, König Albert Theater

18.03.2021 Helmsted, Jazz bei Avacon

TBA München, Bayerischer Hof

teleschau

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