Selig

Hey, da ist 'ne Seele im Rock

Hamburger Rockband Selig: 26 Jahre nach ihrem einflussreichen Debütalbum bekommt Deutschlands erste Grunge-Band ein durchaus inspirierendes Tribute-Album von allerlei deutscher Pop-Prominenz.
+
Hamburger Rockband Selig: 26 Jahre nach ihrem einflussreichen Debütalbum bekommt Deutschlands erste Grunge-Band ein durchaus inspirierendes Tribute-Album von allerlei deutscher Pop-Prominenz.

Johannes Oerding, Madsen, Philipp Poisel und BAP: Sie alle outen sich als Fans des deutschen 90er-Jahre-Rockphänomens Selig. In 15 Coverversionen gedenken zahlreiche Musiker dem Erbe der vielleicht seelenvollsten deutschen Rockband.

Wer gleichzeitig von Rio Reiser, Lenny Kravitz und Nirvana beeinflusst ist, muss eine besonders inbrünstige Musik erschaffen. Sollte man zumindest meinen. Die Musiker der Hamburger Rockband Selig, 1994 veröffentlichten sie ihr einflussreiches Debütalbum „Selig“, gelten als Erfinder des deutschen Grunge. Als MTV-Version von Ton, Steine, Scherben. Oder auch als nervige Größenwahnrocker mit zugegeben ziemlich geilem Sound. Die deutsche Musikpresse feierte die Band um den charismatischen Sänger Jan Plewka Mitte der 90-er. Oder man hasste die Musiker, die mit einem merkwürdigen Hippie-Grunge-Outfit und „alten“ Rockgesten unterwegs waren, inbrünstig. Selig jedenfalls, die sich 1994 enorm schnell nach oben spielten, gaben sich alle Mühe, einen großen Rocktraum samt Klischee-Auslegern intensiv zu leben: Nach drei sehr unterschiedlichen Alben war bereits 1999 Schluss: Streit, Burnout, Drogen - Sänger Plewka zog sich mit Frau und neugeborenem Kind in eine Hütte in Schweden zurück. Zehn Jahre später folgte das Comeback der mittlerweile erwachsen gewordenen Seelenrocker.

2020 scheint nun die große Erntezeit des eigenen Werks gekommen. Im April wird Jan Plewka in der VOX-TV-Show „Sing meinen Song“ die Songs anderer Leute covern und auch selbst weidlich interpretiert werden. Bevor es soweit ist, haben sich schon mal andere deutsche Stars und randseitigere Künstler Selig zur Brust genommen und Songs eingespielt, die nun auf dem Cover-Album „Selig macht Selig“ erscheinen: Philipp Poisel singt „Ohne dich“, eine der wohl besten deutschen Rockballaden aller Zeiten, in der ihm typischen Hyper-Emo-Version (gut), Madsen brettern „Wenn ich wollte“ (ordentlich, aber überraschungsarm), Niedeckens BAP spielen ein mit kunstvollen Gitarren-Licks gespicktes „Glaub mir“ (nett) und Johannes Oerding interpretiert „Sie zieht aus“ im Stile eines majestätischen Großmeisters deutscher Stadionbühnen (vollmundig, stark). Insgesamt 15 Coverversionen zieren dieses - insgesamt - durchaus inspirierte Werk.

„Wenn Männer weinen“, hieß es einst ...

Die größten Überraschungen und Cover-Perlen finden sich unter den weniger prominenten Selig-Fans: Die Berliner Songwriterin Wilhelmine entrockt „Mädchen auf dem Dach“ zu einer wunderschön groovenden Elektro-Soul-Nummer, während ihre Kollegin Lisa Who eine betörend psychedelische Popversion von „Ist es wichtig“ eingespielt hat. Ebenfalls gelungen: „Hey, Hey, Hey“ von Emma6 - und auch die experimentelle „Sie hat geschrien“-Version von Milliarden entfaltet einen besonderen Düster-Flair. Eher witzig-schunkelig erinnert Olli Schulz mit „Die Besten“ daran, dass er seinen Zeit- und Hamburger Kiez-Genossen Jan Plewka in den 90-ern immer beneidete, er weil er die freie Auswahl unter den Mädchen hatte.

Selbst Literat Benjamin von Stuckrad-Barre liest zum Abschluss des knapp einstündigen Selig-Tributs mit „Die alte Zeit zurück“ noch einen Text jener Band, die er als damaliger Redakteur des Magazins „Rolling Stone“ entdeckt hatte. „Wenn Männer weinen“ überschrieb er damals einen Text über die Newcomer. Heute erinnern sich Weggefährten und Folgegenerationen an die Musik jener deutschen Band der 90-er, die so gar keine Angst vor den ganz großen Emotionen hatte. Heute, im Alter, wissen wir: Gefühle abzustreiten hat ohnehin keinen Sinn, also leben wir sie. Zeit für Selig!

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare