Deine Freunde im Interview

Helikoptern ist menschlich

Ewige Kindsköpfe? Florian Sump (rechts) und seine Kollegen von Deine Freunde machen ihre Musik nicht mehr nur für die Kleinen.
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Ewige Kindsköpfe? Florian Sump (rechts) und seine Kollegen von Deine Freunde machen ihre Musik nicht mehr nur für die Kleinen.

Deine Freunde begeistern seit 2012 ein stetig wachsendes Kinderpublikum und sind mittlerweile auch heimlicher Favorit vieler Eltern. Im Interview erklärt Bandgründer Florian Sump, wozu es überhaupt Musik für Kinder braucht und warum er ein Herz für Helikoptereltern hat.

Florian Sump wusste lange nicht, wo er hinwollte. Nachdem er um die Jahrtausendwende mit der Teenieband Echt einige Erfolge gefeiert hatte, war er unter anderem als Wurstverkäufer, Videothekar, Umzugshelfer und Reinigungskraft tätig. Schließlich blieb er in einer Kita als Erzieher hängen - und fand darüber auch zur Musik zurück: 2012 nahm er mit dem HipHop-DJ Markus Pauli und dem Musiker Lukas Nimschek den Song „Schokolade“ auf - zunächst eigentlich nur für die eigene Kita. Doch nach der Begeisterung, die das Stück auslöste, war das Grundrezept für Deine Freunde gefunden: kräftige Beats zu kindertauglichen Texten mit Augenzwinkern. Mittlerweile hat die Band mit „Helikopter“ schon ihr fünftes Album veröffentlicht. Im Interview allerdings zeigt Sump (38) sich ganz und gar nicht abgehoben.

nordbuzz: Vom einstigen Nischenphänomen haben Deine Freunde sich zur festen Größe in deutschen Kinderzimmern entwickelt. Werden Sie im Business heute ernster genommen als am Anfang?

Florian Sump: Wir hatten auf unseren Konzerten von Anfang an das Gefühl, dass die Menschen, die da hinkommen, das auch komplett ernst nehmen, genau wie wir auch. Wobei „ernst nehmen“ in unserem Fall ja auch heißt, mit ganz viel Humor zu arbeiten. Uns geht es nicht darum, dass wir als großartige Künstler wahrgenommen werden wollen. Wir wollen, dass unsere Musik anderen Spaß bringt und uns auch selbst Spaß macht. Das haben wir von Anfang an sehr ernst genommen. Aber eines hat sich verändert in den letzten Jahren ...

nordbuzz: Und das wäre?

Sump: Das hat mit unseren Live-Auftritten zu tun: Bei den ersten beiden Alben waren wir manchmal noch nicht so sicher, ob wir bei dieser oder jener Stelle mit dem Humor oder den absurden Bildern etwas zu weit gehen, ob wir gerade Kindern so etwas erst groß und breit erklären sollten. Aber durch die Live-Erfahrung und den Austausch mit unserem Publikum haben wir gemerkt, dass es keiner Erklärung bedarf. Die verstehen sofort, was und wie es gemeint ist.

nordbuzz: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Aus dem eigenen Alltag? Danach klingt es zumindest in Titeln wie „Elternvertreterwahl in der Kita“ ...

Sump: Das ist bei mir aktuell. Ich wurde übrigens auch gerade zum Elternvertreter gekürt. Ich ließ mich aufstellen, weil es ganz genau so war wie in dem Song: Es hat viel zu lange gedauert, bis jemand dazu bereit war, also habe ich es halt gemacht.

nordbuzz: Na dann herzlichen Glückwunsch.

Sump: Ja, genau ... (lacht)

„Wir machen keine Marktanalysen, wir machen unser Ding“

teleschau. Haben Sie Lieblingsthemen?

Sump: Am liebsten schreiben wir über Dinge, an die wir uns aus unserer eigenen Kindheit erinnern, die aber heute noch genau so vorkommen. Vieles hat sich ja inzwischen verändert, die Technik und die Welt an sich. Aber es gibt bestimmte Dynamiken in der Familie, die immer gleich bleiben. Das gibt uns ein gutes Gefühl: Wenn es uns damals so ging und es den Zehnjährigen heute genauso geht, dann wissen diejenigen dazwischen auch, wovon wir da reden. Das sind auch Sachen, die man manchmal für ganz individuell hält ...

teleschau. Zum Beispiel?

Sump: Jeder glaubt: „Keiner streitet sich so schlimm wie wir“, wenn da die Türen knallen oder man sich gegenseitig anschreit. Aber es hat auch etwas Tröstendes, wenn man sich austauscht und dann feststellt: Och nö, das ist doch nur der ganz normale Familienwahnsinn, der auch in den besten Familien vorkommt.

nordbuzz: Haben Sie in Ihrer Familie inzwischen ein anderes Verhältnis zu solchen Problemen, weil Sie sich so intensiv damit auseinandersetzen? Sie reden ja nicht nur, sondern schreiben ganze Songs darüber ...

Sump: Eben nicht. Diesen genauen Blick auf das Familienleben zu haben, rettet uns nicht davor, in manchen Situationen genauso hilflos dazustehen wie alle anderen. Wir haben auch ganz sicher nicht mehr Weitblick als andere.

nordbuzz: Haben Sie schon einmal während einer absurden Diskussion mit einem dreijährigen Kind gedacht: „Daraus mache ich nachher einen Song“?

Sump: Sowas gibt es schon. Auf dem neuen Album haben wir einen Song, der heißt „Das Lied vom Abholen“. Ich habe gemerkt, dass ich nicht weiterkomme, wenn ich immer im gleichen Singsang-Tonfall die Frage stelle: „Woll'n wir dann mal langsam los?“ Das ist eine Einbahnstraße. Ich muss einen direkteren, klareren Weg finden, um mein Kind irgendwie abzuholen. Aber größtenteils beginnen unsere Songs thematisch erst, wenn die Kinder schon zur Schule gehen. Das ist ja auch unser Publikum bei den Konzerten: Im abgeteilten Kinderbereich vor der Bühne besteht das Gros unseres Publikums aus Grundschülern zwischen sechs und elf Jahren.

nordbuzz: Musik für Kinder dieses Alters war zu Beginn Ihrer Karriere eine echte Nische, inzwischen gibt es schon ein größeres Angebot. Ist der Markt schon gesättigt und die Konkurrenz in diesem Bereich inzwischen härter?

Sump: Da schauen wir gar nicht so sehr nach links oder rechts. Klar fallen uns auch mal Sachen auf, die wir toll finden, wie zum Beispiel die „Unter meinem Bett“-Sampler, aber ich habe nicht das Gefühl, dass da irgendwo eine Sättigung herrscht. Vor allem nicht, wenn man es damit vergleicht, wie viel Musik und Entertainment es für Erwachsene gibt. Die haben täglich die Möglichkeit, auf irgendwelche Konzerte zu gehen, da kann jeder sein Ding finden, egal wie die Geschmäcker ausgerichtet sind. Ich fände es schon cool, wenn es in der Musik für Kinder mehr in verschiedene Richtungen gehen würde. Aber nur weil wir in diesem Segment stattfinden, heißt es nicht, dass wir uns da wahnsinnig gut informieren würden. Wir machen keine Marktanalysen, wir machen unser Ding.

„Es geht gar nicht darum, irgendwelche Zielgruppen anzusprechen“

nordbuzz: Wozu braucht es überhaupt Musik über böse Hausmeister oder „ganz dolles Aua“?

Sump: Klar könnten Kinder auch einfach bei den Eltern das Radio mithören. Oder einen Zugang zu englischer Musik finden, obwohl sie noch kein Englisch verstehen, weil der Text ja letztlich überhaupt nicht so wichtig ist und die Musik ganz eigene Gefühle transportiert. Ich habe als Kind öfter mal todtraurige Lieder mit ganz schönen Dingen verbunden und dann später erst erfahren, worum es ging, als ich endlich die Sprache konnte. Für uns war die Frage: In welchem Themengebiet fühlen wir uns wohl und wo können wir uns austoben? Deshalb machen wir diese Art von Musik und diese Art von Texten. Es muss überhaupt nicht sein, dass man Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit abholt. Aber ich finde es schön, wenn man es macht. Wenn es für die Kinder ein schönes Erlebnis sein kann und sie sich direkt angesprochen fühlen.

nordbuzz: Sie holen aber auf Ihrem aktuellen Album nicht nur die Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit ab, sondern auch viele Eltern. Sind die Ihnen heute wichtiger als früher?

Sump: Wir entwickeln uns vielleicht ein bisschen bewusster in diese Richtung, seit wir verstanden haben, dass die Hälfte des Publikums auf unseren Konzerten aus mitnickenden Eltern besteht, die auch Spaß an der Show haben. Es gab diesen Punkt, an dem wir uns nach einer Tour wiederfanden und uns sagten, dass wir die Eltern zu wenig auf dem Zettel hatten. Klar stehen die Kinder im Vordergrund, aber wir feiern es total, dass die Eltern auch Spaß haben. Und dass viele bei erstaunlich vielen Liedern mitsingen und mitrappen können. Und da haben wir angefangen, die Eltern mehr miteinzubeziehen, und zwar bei allem. Sowohl auf den Tonträgern als auch auf den Konzerten.

nordbuzz: Wie war die Resonanz?

Sump: Das war ganz interessant. Wir dachten vorher, wir wissen ganz genau, auf welchen Song diese und jene Kinder stehen würden, oder dass ein bestimmter Song die Erwachsenen ansprechen wird. Und dann haben wir auf Tour gemerkt, dass das schon wieder verkehrt war. Es geht gar nicht darum, irgendwelche Zielgruppen anzusprechen, denn viele Erwachsene können sich noch sehr gut mit den Kindersongs identifizieren. Und andersherum gibt es auch Kinder, die die Songs liebten, von denen wir dachten, die seien zu abstrakt. Das ist wenig berechenbar, deshalb öffeneten wir uns und sagten: Wir trauen uns jetzt mehr zu und muten auch dem Publikum mehr zu als bei den ersten Alben.

„In der Pubertät sind sie zu cool für uns“

nordbuzz: Und wie sieht es mit dem Titelsong „Helikopter“ aus? Da gibt's ja auch eine versteckte Botschaft an die Eltern ...

Sump: Aber das ist nicht so gemeint, wie man es im ersten Moment auffassen könnte. Es ist ja kein „Macht euch mal locker, jeder muss irgendwann loslassen“. Wir versetzen uns eher selbst in diese Lage als Band, denn wir sind selber in der gleichen Situation: Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, entfleuchen sie uns nun mal und sind erst einmal ein paar Jahre zu cool für uns. Wir solidarisieren uns eher mit dieser Sicht.

nordbuzz: Haben Sie sich schon einmal selbst beim Helikoptern erwischt?

Sump: Ja, permanent. Der Drang, die eigenen Kinder zu beschützen, steckt auf jeden Fall in mir drin. Aber dadurch, dass ich jahrelang als Erzieher mit Kindern verschiedener Altersklassen zusammengearbeitet habe und ich weiß, wie die Entwicklungsphasen ablaufen, gelingt es mir, dem nur ganz selten nachzugeben. Genau deshalb wäre es auch falsch von uns gewesen, uns hinzustellen und mit diesem Song alle Helikoptereltern zu dissen. Im Gegenteil, wir erkennen diesen Impuls an, dafür muss man sich auch nicht schämen. Ich habe festgestellt, dass es weder mir noch anderen Menschen guttut, wenn ich versuche, über sie zu urteilen. Ich setze mich lieber auf einer respektvollen Ebene mit Ihnen auseinander.

nordbuzz: Und wie findet Ihr Austausch mit den Fans statt? Nur über die Konzerte? Oder werden Sie auch mal auf der Straße angesprochen?

Sump: Wir werden schon mal von Kindern auf der Straße angesprochen. Nicht jeden Tag und überall, aber es kommt häufiger vor. Wir bekommen auch Post. Wir haben seit Kurzem erstmals unser eigenes Büro. Unten ist unser kleines Studio, und im Obergeschoss sind die Schreibtische und ein kleiner Schnittplatz. Jetzt haben wir endlich einen Ort dafür, unsere Fanpost nach dem Vorbild unseres guten Freundes Rolf Zuckowski handschriftlich zu beantworten. Austausch ist für uns auf vielen verschiedenen Ebenen enorm wichtig, ob jetzt per Post, beim Konzert oder eben auf der Straße.

nordbuzz: Was war bisher das coolste Kompliment, das Sie dabei bekamen?

Sump: Das war die Tochter eines Freundes, die uns fragte, ob wir hellsehen können. Weil unsere Lieder ganz genau so seien, wie sie es in ihrem Kopf habe oder wie sie es erlebt habe.

nordbuzz: Welche Musik hören eigentlich Ihre eigenen Kinder? Papa und seine Kumpels - oder dann lieber doch etwas anderes?

Sump: Im Moment hören sie tatsächlich ein Lied von uns, der Rhythmus von „Wieder Deine Freunde“ hat's denen irgendwie angetan. Ansonsten mögen sie eher klassische Kinderlieder wie „Wer hat die Kokosnuss geklaut“.

nordbuzz: Und mit welcher Musik dürften sie nie nach Hause kommen?

Sump: Sie dürften mit jeglicher Musik nach Hause kommen. Wenn die Texte zu krass sind, würde ich mich mit denen hinsetzen und darüber reden, vielleicht die Texte gemeinsam analysieren. Verbieten würde ich nichts.

teleschau

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