Bruce Springsteen

Großes Kino mit kleinen Helden

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Auf „Western Stars“ entdeckt Bruce Spingsteen den Cowboy in sich.

Auf „Western Stars“ verliert Bruce Springsteen kein Wort über Donald Trump, kein Wort über einen neuen Zeitgeist. Ist der Boss seines Chronisten-Jobs überdrüssig?

Was man erwartet: eine Abrechnung mit Donald Trumps Amerika, einen Schlag gegen die Engstirnigkeit politischer Eliten oder zumindest einen eindeutigen Appell für mehr Zusammenhalt. Was man bekommt: träumerisch verpoppten Schmalz. Bruce Springsteen zeigt sich auf seinem 19. Studioalbum auffällig handzahm und beschränkt sich auf Kleinteiliges. „Western Stars“ quillt über vor amerikanischem Freiheitsdrang inklusive unendlicher Weiten, rot flackernder Sonnenuntergänge und Anpackermentalität. Aus den gut 50 Minuten lässt sich zweierlei schließen: Entweder ist der Boss seines selbstauferlegten Chronisten-Jobs überdrüssig. Oder hinter der glühenden Cowboy-Romantik steckt weit mehr als nur die Sentimentalität eines 69-Jährigen.

Der südkalifornische Pop der 60-er und frühen 70-er habe laut Springsteen Pate gestanden beim Entstehungsprozess des Albums, ebenso das orchestrale Pathos eines Burt Bacharach und die Country-Ernsthaftigkeit eines Glen Campbell. Es gehe ihm um Dramatik, filmische Größe und um Figuren und deren Geschichten. Großes Kino - mit kleinen Helden. Es lag nicht an der E Street Band, diese Gegensätze einzufangen und freizulassen. „Western Stars“ ist ein Soloalbum, entstanden mit mehr als 20 Mitmusikern. Die bedienen genügend Streicher und Bläser für die gewünschte Erhabenheit, dazu sorgen leiernde Stahlsaiten und ein Banjo für die noch wichtigere Erdung.

Träume weilen länger als eine Legislaturperiode

Dort unten am Boden nämlich sind Springsteens besungene kleine Helden angekommen. Da raunt etwa ein abgehalfterter Western-Darsteller, der seine Story in Spelunken für ausgegebene Drinks feilbietet („Western Stars“). Ein Stuntman vergewissert in „Drive Fast“, mit dem Verlust der Jugend auch den einstigen Wagemut eingebüßt zu haben. Und der Songwriter, der vor Jahren von „Somewhere North Of Nashville“ aus kurz in die Sehnsuchtsstadt der Countrymusik reinschmecken durfte, erklärt, er habe die Liebe dem Erfolg vorgezogen. Einstige Träume scheinen ausgeträumt - sie sind nie in Erfüllung gegangen oder längst verblasst. Der reine Verdruss ist es aber nicht, der aus diesen Songs spricht. Das vom Erzähler selbst als Klischee betitelte Bild vom ewig rastlosen Reisenden im herausragenden Stück „The Wayfarer“ wird zum Sinnbild eines gemeinsamen „Immer weiter“.

Hin und wieder schwebt New Jerseys berühmtester Sohn auf seinem Roadtrip allerdings auch über dem Sicherheit gebenden Boden. Dann ergibt sich der Musiker einem bisher ungekannten Schmalz. „There Goes My Miracle“ ist so ein viermünitiger Moment. Nicht nur das Arrangement, auch der schmachtende Sänger selbst fordert da viel von allen ein, die vor allem die Abgeklärtheit ihres neuerdings croonenden Bosses schätzen. Kaputt machen kann so etwas die Grundstimmung, die Album Nummer 19 trägt, allerdings nicht. Der Bruch mit Gewohntem ist mehr als gelungen. Und was ist nun mit Trump? Mit den engstirnigen politischen Eliten? Sie zu ignorieren und deutlich zu machen, dass Bruce Springsteens Amerika niemals das Träumen aufgeben wird, trifft vielleicht härter als jeder direkte Hieb gegen selbstentlarvende Gaukelpatrioten.

teleschau

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