UB40

Größer als Bob Marley?

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UB40 - For The Many

Die Reggae-Rentner von UB40 scheinen ihre Krisenzeit inklusive Privatinsolvenz und Schreibblockade überwunden zu haben und liefern mit „For The Many“ ein neues Album.

Einen Musiker live auf der Bühne zu sehen, kann eine lebensverändernde Erfahrung sein. Für Robin Campbell gab es eine solche Erfahrung am 19. Juli 1975, als Bob Marley für einen Auftritt in seine Heimatstadt Birmingham kam. Von da an ließ der Gedanke, eine Band zu gründen, Campbell und seine Brüder nicht mehr los. Fünf Jahre später standen UB40 ohne Unterstützung eines großen Labels auf Platz vier der UK-Charts. Das lag zum einen daran, dass die Einwanderungswelle aus der Karibik ihre Stadt in den 70-ern zu einem Epizentrum für Reggae gemacht hatte, ihnen dieser Stil also mehr oder weniger vor die Füße gespielt wurde. Zum anderen lag es daran, dass ihr juveniler Leichtsinn sie nach nur sechs Monaten Probezeit in einem heruntergekommenen Keller auf Tour gehen ließ. 40 Jahre später stehen UB40 immer noch auf der Bühne, mit „For The Many“ gibt es auch ein neues Album.

Die UB40-Interpretation von „Red Red Wine“ ist heute bekannter als das Original von Neil Diamond, und US-Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh schmückte sich jüngst mit einer angeblichen Kneipenschlägerei mit einem Bantmitglied. Das nennt man Kultstatus, auch wenn UB40 jenseits von Großbritannien immer nur überschaubaren Erfolg hatten.

Breites Reggae-Panorama

Eigentlich ist die Band dem Zustand im Musikkeller nie entwachsen. 2018 erschien der fünfte Teil der Coveralbum-Reihe „Labour Of Love“ und erhielt eine Silber-Auszeichnung. Die letzte Platte mit eigenen Songs („Getting Over The Storm“, 2013) hingegen verschwand zwei Wochen nach Charteinstieg (Platz 29) wieder aus der Hitparade. Zudem mussten vier Bandmitglieder Privatinsolvenz anmelden, nachdem ihr Label pleitegegangen war.

Die Diskrepanz zwischen UB40s genialem Umgang mit Fremdkompositionen und der Durchschnittlichkeit eigener Songs ist auch bei „For The Many“ klar erkennbar. Die ausufernde Bassline, die sonorischen Bläser und der erdende Riddim von „Broken Man“ erinnern stark an den Reggae-Klassiker „World-A-Reggae“; die Single „You Haven't Called“ klingt wie eine Neuauflage von Alton Ellis' „I'm Still In Love Wiht You“. Immer wenn UB40 nicht auf Eigenständigkeit behrarren, blühen sie auf, lassen die Schlager-Arrangements hinter sich und übersetzen den Sound der Reggae-Insel für das Pop-Festland.

Welthits sind diesmal nicht dabei, aber „For The Many“ hält zumindest ein solides Reggae-Panorama bereit. In dem Stück „What Happend To UB40?“ lassen sich die Briten dann tatsächlich auch noch zu einem spannenden Statement hinreißen: „My gang bigger than Bob Marley“. Nach drei „red, red wine“ wird mancher Hörer das vielleicht sogar glauben.

teleschau

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