Perry Farrell

Gemischte Signale

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Von Rock über Electro bis hin zu Elementen der Klassik ist bei Perry Farrell alles erlaubt. Im Bild: Farrell mit Ehefrau Etty Lau Farrell, die auch auf dem neuen Album „Kind Heaven“ mitwirkt.

Perry Farrell (Jane's Addiction) machte sich schon vor 30 Jahren als Alternative- und Crossover-Rocker einen Namen. Sein neues Solo-Album „Kind Heaven“ ist sein bisher vielfältigstes - und deshalb über weite Strecken leider zu chaotisch.

Es ist lange her, dass Perry Farrell zuletzt ein Solo-Album veröffentlichte („Songs Yet To Be Sung“, 2001). Dafür gründete der 60-Jährige aus Hollywood aber das Lollapalooza-Festival, das inzwischen jährlich in sieben Ländern und unter anderem auch in Berlin stattfindet; nebenbei wurde seine Band Jane's Addiction seit den 80-ern viermal wiedervereinigt und wieder aufgelöst. Man möge es ihm also nachsehen. Es war damit zu rechnen, dass Perry Farrell auf seinem neuen Album experimentiert. Schon sein 90er-Jahre-Nebenprojekt Porno for Pyros fühlte sich zu jedem möglichen Crossover-Sound verpflichtet, und zuletzt konnte man Farrell auch als Elektro-DJ buchen. Was sich nun auf „Kind Heaven“ entfaltet, ist in seiner stilistischen Bandbreite trotzdem überraschend.

Der Opener „(Red, White and Blue) Cheerfulness“ beschwört die politische Macht des Rock'n'Roll, klingt aber alles andere als revolutionär. „Pirate Punk Politician“ wird etwas konkreter und klagt einen skrupellosen „sogenannten Präsidenten“ an - natürlich denkt man an Donald Trump. Sex, Drogen und Systemkritik sind heute wie vor 30 Jahren Farrells Themen. Mehr getan hat sich beim Sound. Das groovende Power-Chord-Riff von „Pirate Punk Politician“ unterlegt das Elektronika-Duo Bloody Beetroots mit wabernden Dubstep-Bässen. Eine mutige Entscheidung, wäre hier irgendein anderer (Alt-)Rocker am Werk und wäre nicht der nächste Song schon wieder eine Rockabilly-Nummer mit Streicher-Begleitung. „One“ ist ein romantisches Duett mit Ehefrau Etty Lau Farrell, „Spend The Body“ ein astreiner Electro-Track, der im Club funktionieren soll.

Mit vielen Konfetti-Kanonen

Manchmal werden all diese Einflüsse stimmig zusammengeführt, wie in dem Song „Where Have You Been All My Life“, der mit Percussions und elektronischen Spielereien beginnt, die nach und nach von verzerrten Gitarren abgelöst werden - ein klassisches Rocksong-Schema, in dem lediglich die Akustikgitarre durch einen Synthesizer ersetzt wurde. Man hätte sich auf dem 30-minütigen Album mehr solch schlüssiges Songwriting gewünscht.

Stattdessen ist „Kind Heaven“ über weite Strecken ein stilistisches Durcheinander, wie man es sich in keinem Festival-Line-up vorstellen kann. Zumindest hätte man dann die Electro-Acts auf den Freitag gelegt, die Rockmusiker auf den Samstag und das Streichquartett auf den Sonntag - zum Ausklang. So viel Ordnung und Dramaturgie bietet „Kind Heaven“ nicht. Perry Farrells buntes neues Ensemble würde vielleicht als stimmungsgeladener Opening Act des Lollapalooza funktionieren, am Donnerstagabend und mit vielen Konfetti-Kanonen. Im heimischen CD-Spieler sendet es eher gemischte Signale.

teleschau

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