Johannes Oerding im Porträt

„Es geht uns besser als je zuvor“

Viele Menschen in Deutschland wissen ihre privilegierte Situation nicht zu schätzen, findet Johannes Oerding: „Es geht uns besser als je zuvor, aber wir vergessen, dass es auch anders sein könnte.“
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Viele Menschen in Deutschland wissen ihre privilegierte Situation nicht zu schätzen, findet Johannes Oerding: „Es geht uns besser als je zuvor, aber wir vergessen, dass es auch anders sein könnte.“

Johannes Oerding, ab März 2020 mit dem Album „Konturen“ auf Deutschlandtour, ist von klassischem Singer/Songwriter-Pop inzwischen gelangweilt und übt sich stattdessen in Sozialkritik. Bei einem Treffen in Hamburg erklärt der engagierte Demo-Gänger, was derzeit falsch läuft in der Welt.

Es ist gut möglich, dass Johannes Oerding der fleißigste Musiker Deutschlands ist. Der 1981 geborene Wahlhamburger, der zuletzt auch in der VOX-Show „Sing meinen Song“ zu sehen war und zudem sein sechstes Album „Konturen“ veröffentlichte, ist gefühlt ständig auf Tour. „Nächstes Jahr geben wir 100 Konzerte und das Jahr darauf auch noch einmal 100“, grinst Oerding, dessen Konzertreise im März beginnt, bei einem Treffen in Hamburg.

„Mir macht das einfach unheimlich viel Spaß. Das fängt schon mit dem ganzen Drumherum an. Man trifft neue Leute, sieht andere Städte und Horizonte. Das alles mit meinem Team - das ist wie ein Familienurlaub“, schwärmt Oerding. Das Konzert selbst sei aber immer die „Krönung“: „Wenn du ein Lied schreibst, weißt du nie, wie es bei den Leuten ankommt. Doch dann stehst du da und siehst auf einmal, wie es sie berührt und abholt. Das gibt meinem Beruf einen Sinn. Gleichzeitig bedeutet es viel Druck, weil man von 10.000 Leuten beobachtet wird. Das ist wie eine Prüfung: Du musst alles abrufen, was du gelernt hast.“

Zum Glück fing Oerding, der in Geldern-Kapellen am Niederrhein aufgewachsen ist, früh an zu üben. „Zu singen war schon als Kind mein Weg, um mir Gehör zu verschaffen und mich von meinen vier Geschwistern abzugrenzen“, erinnert er sich. „Es gibt Bilder, auf denen ich als Sechsjähriger auf dem Flohmarkt singe. Ich erkannte schnell, dass die Leute stehenbleiben und zuhören. Das gab mir immer das Selbstbewusstsein und Gefühl, dass ich scheinbar ein Talent habe.“

Vor rund 18 Jahren kam Oerding dann nach Hamburg, um seine Karriere voranzutreiben. Erste Aufmerksamkeit erlangte er im Vorprogramm von Künstlern wie Simply Red und Ich + Ich. 2009 erschien sein Debütalbum „Erste Wahl“. Seitdem geht es für Johannes Oerding stetig nach oben. Er hat sich eine treue Fangemeinde erspielt und füllt inzwischen auch die großen Arenen. Seine Alben wurden allesamt vergoldet, die letzten zwei sogar mit Platin ausgezeichnet. Mit „Konturen“ erreichte er im November erstmals die Spitze der deutschen Albumcharts.

„Dass wir hier sitzen und entspannt unsere Cola schlürfen, ist Zufall“

Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, war es Oerding wichtig, mit seinem sechsten Album etwas Neues zu wagen. Ob lässiger Pop, Elektro, Streicher oder NDW-Übermut - Oerding präsentiert sich auf „Konturen“ so experimentierfreudig wie nie zuvor. „Ich habe mir tatsächlich ein bisschen mehr rausgenommen. Wo ich mir früher Grenzen setzte und dachte 'Lieber nicht übertreiben, das machst du dann live', sagte ich mir diesmal: 'Warum eigentlich nicht?'“, erklärt er. „Seit 15 Jahren höre ich immer wieder, dass es noch geiler wäre, wenn meine Platten so wären, wie ich live Musik mache. Also habe ich das einfach gemacht. Ich mag eben auch all diese Musik, die mich an meine Jugend erinnert - ob das Synthie-Sounds sind oder große Balladen.“

Doch auch textlich legt Oerding auf dem Album noch eine Schippe drauf: Die Songs sind teilweise sehr scharfkantig und politisch ausgefallen. „Diese Welt spielt verrückt, die Schlagzeilen nur voller Hass, zu viele Schritte zurück, Sprung übern Schatten verpasst / Und manchmal glaube ich echt, wir haben das Lieben verlernt“, singt Oerding in dem Stück „Alles okay“. „Ich habe gemerkt, dass ich immer interessierter werde an diesen Themen. Also weg vom ich, hin zu dem wir“, erläutert Oerding. „Was machen wir eigentlich gerade falsch? Das ist der Grundtenor des Albums. Die Songs beleuchten eher das wir, mich immer miteinbeziehend, statt nur die klassischen, autobiografischen Singer/Songwriter-Themen. Die langweilen mich mittlerweile ein bisschen.“

Liegt das am Alter oder an dem, was in der Welt los ist? „An beidem, denke ich. Mit jedem Jahr, das man älter wird, sieht man mehr, sammelt mehr Erfahrungen und ist betroffener. Auf der anderen Seite waren diese Themen noch nie so präsent wie jetzt“, so Oerding. „Dabei glaube ich gar nicht, dass es uns schlechter geht. Das ist das Kuriose, was mich so verzweifeln lässt. Wie ich in 'Blinde Passagiere' singe: 'Wir sitzen am Fenster, aber gucken gar nicht raus'. Es geht uns besser als je zuvor, aber wir vergessen, dass es auch anders sein könnte. Dass wir hier sitzen und entspannt unsere Cola schlürfen, ist Zufall. Wir hätten auch woanders geboren werden können. In Syrien zum Beispiel. Und dann kommst du mit dem Bus hier an und kriegst noch einen drauf.“

„Was interessiert uns unser Geschwätz von gestern?“

Der vieldiskutierte Rechtsdruck in Deutschland bereite ihm große Sorgen. „Dieses egoistische, sehr reaktionäre Schwärmen von der 'guten alten Zeit', die gar nicht besser war“, schimpft er. „Aber es macht mir auch Angst, dass wir nicht erkennen, dass wir die Welt gerade komplett zerstören und es schon fast zu spät ist. Weil das Problem eben nicht direkt vor der Haustür steht. Zuerst schmilzt das Eis ja irgendwo anders, und dann werden die halt überschwemmt. Wir haben ja noch Zeit. Dass wir nicht kapieren, dass wir dieses Thema zusammen angehen müssen, weil das hier sonst für alle keinen Sinn mehr macht ...“ Oerding gehe selbst oft zu Demos - ob Fridays for Future, Pro-Europa- oder Anti-Rechts-Demos. „Ich weiß, dass das nur ein ziviler Protest und mit Sicherheit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber es motiviert mich trotzdem, wenn ich sehe, wie viele Leute da mitlaufen.“

Eine kleine Überraschung hat Oerding auf „Konturen“ übrigens auch versteckt: Der Song „Ich habe dich nicht mehr zu verlier'n“ ist ein Duett mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Ina Müller. Bisher hielten die beiden ihre Arbeit bewusst getrennt. „Wir werden jetzt auch kein Musikvideo drehen oder eine große Müller-Oerding-Revue machen, aber wie jeden Song habe ich Ina das Stück irgendwann vorgespielt. Sie sang direkt mit und da wurde mir klar, dass der Song ein Duett ist. Ich überlegte dann, wer ihn singen könnte, aber es gibt einfach niemanden, der meine Stimme besser kennt, und Ina hat es so fantastisch gesungen, dass wir sagten: Was interessiert uns unser Geschwätz von gestern, wir machen das jetzt einfach.“ Dass sie nun ausgerechnet einen Trennungssong zusammen singen, dürfte den einen oder anderen Hörer irritieren. „Lustig, oder?“, findet Oerding. „Inhaltlich hat das überhaupt keine Bewandtnis. Obwohl wir letztens aus Spaß sagten: Vorausschauendes Handeln ist ein Zeichen von höherer Intelligenz. Falls es doch mal so kommt, haben wir den Trennungssong schon geschrieben!“

teleschau

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