Haszcara

Frauenrap? Von wegen!

Ehrlich, empathisch, eigenwillig: Haszcara ist definitiv eine Bereicherung für die deutsche Rap-Szene - und das hat nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist.
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Ehrlich, empathisch, eigenwillig: Haszcara ist definitiv eine Bereicherung für die deutsche Rap-Szene - und das hat nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist.

Die zweite EP der Göttinger Rapperin Haszcara will mit dem Gerücht aufräumen, es gebe wenig rappende Frauen. „Hautnah“ ist so intim, ehrlich und heimelig wie ein Gespräch mit einer guten Freundin.

Frauen im Rap sind selten? Wenn man Haszcara fragt, wäre die Antwort wohl: schon lange nicht mehr! Weil dieses Ammenmärchen immer noch fleißig durch den Pop-Journalismus gereicht wird, präsentiert die Göttingerin auf ihrer neuen EP „Hautnah“ einen Song mit dem Titel „Schon lange“. Darin grüßt sie unter anderem weibliche Rap-Galionsfiguren aus Deutschland wie Nura, Eunique, Loredana und Haiyti, die allesamt seit Jahren regelmäßig die vorderen Ränge der Charts besetzen. Eigentlich ist der Track ein klassischer Rap-Song mit Ich-bezogenen Zeilen, Wortwitzen und ein bisschen Überzeichnung. Aber eben auch eine Solidaritätsbekundung, eine Verschwesterlichung, wenn man so will.

Seit ihrem Debütalbum „Polaris“, das 2018 auf dem Hamburger Kultlabel Audiolith erschien, wird Haszcara gerne mal als Allround-Talent der deutschen Rap-Szene herangezogen, wenn mal wieder die besagte Unwahrheit zu Protokoll gegeben wird, es gebe hierzulande kaum rappende Frauen. Das liegt unter anderem daran, dass Haszcara singen, rappen und produzieren kann. Den Großteil ihres Debütalbums hatte sie selbst komponiert. Doch um sich verstärkt auf ihre Texte konzentrieren zu können, überließ sie diese Aufgabe auf „Hautnah“ lieber dem Team von unkn0wnz productions.

Schonungslos ehrlich

Denn die Rolle als Tausendsassa kann mitunter ermüdend und sogar belastend sein - das thematisiert Haszcara zum Beispiel auch auf „Niemand der so redet“, einem melancholischen Streicher-Arrangement, das die aktuelle Trap- und Dancehall-Ästhetik der populären Rap-Playlisten elegant in ein unbekümmertes Indie-Umfeld verpflanzt. Es ist ein Sound-Konzept, das mit seichten Melodien und voluminösen Drumpatterns auch den Rest der EP dominiert. Der Song besticht aber auch durch einen anderen Aspekt. Denn Haszcara ist schonungslos ehrlich. Wo andere Rap-Acts den ausufernden Rockstar-Lifestyle glorifizieren, gibt sie einfach mal zu, dass ihr im Berufsalltag als Musikerin ein Stück Normalität fehlt: „Manchmal würd' ich gern mein Leben tauschen / Bisschen durchatmen, bisschen durch die Gegend laufen“.

Das ist ungewöhnlich, gerade für deutschen Rap. Doch diese Bodenständigkeit durchzieht alle vier Songs der EP „Hautnah“. Mit „Riker“ und dem Titeltrack „Hautnah“ hat sich Haszcara sogar an die Könisgdisziplin im Texten gewagt und zwei aufrichtige, unkitschige Liebeslieder geschrieben - auch das ist im Rap selten und wahnsinnig erfrischend. „Hautnah“ wirkt dadurch sehr intim und heimelig, wie ein Gespräch mit einer guten Freundin. Gerade in den aktuellen Zeiten ist das Balsam für Seele und Ohren - und dass sie eine Frau ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

teleschau

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