„No Roots“-Sängerin Alice Merton

Der Fluch des One-Hit-Wonders

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Zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihrer Hit-Single „No Roots“ erscheint nun Alice Mertons Debütalbum „Mint“.

Wer an Alice Merton denkt, denkt an „No Roots“. Das soll sich ändern: Zwei Jahre nach dem Welterfolg ihrer ersten Single veröffentlicht die Wahl-Berlinerin ihr Debütalbum.

Wenn man über Künstler wie Alice Merton spricht, fallen schnell Zahlen. 1,5 Millionen verkaufte Einheiten hat sie abgesetzt, bislang 340 Millionen Streams angesammelt und Gold- und Platinausszeichnungen in den USA, Deutschland, Frankreich und anderswo eingeheimst. Mit nur einem einzigen Song. Das ist beeindruckend. Aber auch sehr abstrakt. Ganz so einfach ist das Wesen des Megahits „No Roots“ (2016) nämlich nicht. Denn er setzt die Maßstäbe für Mertons weiteren Karriereverlauf. In ihrem Debütalbum „Mint“, das relativ lange auf sich warten ließ, soll nun das Potenzial eines deutschen Weltstars entdeckt werden.

Alice Merton weiß, dass „No Roots“ ihr die künstlerische Unschuld gestohlen hat. Die Mammutaufgabe bei „Mint“ ist es, die kurzweiligen Zahlen in Langlebigkeit umzuwandeln. Hierfür ließ sie sich nach der Single-Veröffentlichung zwei Jahre Zeit und zog abermals ihren Produzenten Nicolas Rebscher heran, der mit ihr schon an „No Roots“ arbeitete. Merton und Rebscher wissen, wie man Musik produziert, die ins Ohr geht. Ihr Riesenhit ist im Grunde eine Pop-Nummer nach einer fast vergessenen Formel: Ein Blues-Riff dudelt über einen recht simplen, aber eingängigen Beat. „I Love Rock'n'Roll“ von Arrows war so arrangiert, „We Will Rock You“ von Queen auch. Als einen „Song, der mich vorstellt“, beschrieb die 25-jährige Wahl-Berlinerin, die in Ontario, New York und München aufwuchs, einmal in einem Interview ihren unverhofften Welterfolg.

Auf der vorliegenden LP kommt diese Formel nun erneut zum Einsatz. Sie ist recht einfach aus den Songs „Learn To Live“, „Lash Out“ und „Trouble In Paradise“ herauszuhören, die ebenfalls Dancefloor-Beats mit rustikalen E-Gitarren kombinieren und auf die eine oder andere Art von Rastlosigkeit handeln. Zwar wird dann auch mal mit der Theatralik von Florence + the Machine („Shake It Out“) gespielt oder die Navität einer Lykke Li („I Follow Rivers“) bemüht. Das Korsett von „No Roots“ bleibt aber dennoch die Wurzel von Mertons Liedern. Auch die Single „Why So Serious“ funktioniert nach diesem bewährtem Muster. Das ist schade.

Donuts, Cheeseburger und ein Quentchen Intellekt

Halbwegs spannend wird „Mint“, wenn Alice ihre Wohlfühl-Zone verlässt. „2 Kids“ und „Homesick“ zum Beispiel erinnern an den pathetischen Melancholie-Pop von M83 oder Major Lazer, „Honeymoon Heartbreak“ probiert sich an einer Feuerzeug-Ballade, und „Funny Business“ sampelt gar Vorzeige-Pop-Feministin M.I.A., die auch Namenspatin für Mertons Label Paper Plane Records war. Diese Nummern sind allesamt lupenreine Radio-Pleaser mit dem Quentchen Intellekt, das man oft im Musik-Tagesgeschäft vermisst. Doch diese Nische, die Merton mit ihrem sauberen Halbsopran ideal bedient, bleibt auf „Mint“ leider die Ausnahme. Stattdessen verlässt man sich allzu oft auf Pop-Plattitüden. Im Video zu „Why So Serious“ tanzt Alice Merton mit einem Typen, der eine Cheeseburger-Maske trägt. An anderer Stelle sitzt sie einem Mann im Adamskostüm gegenüber, der einen Donut isst. Das ist nicht mehr schade - das wirkt einfach nur einfallslos.

teleschau

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