Coldplay

Ein „experimentelles“ Album?

Entspannt, experimentierfreudig und versehen mit schelmischem Humor: Das sind Coldplay im Jahr 2019.
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Entspannt, experimentierfreudig und versehen mit schelmischem Humor: Das sind Coldplay im Jahr 2019.

Lange wurden Fans und Medien an der Nase herumgeführt, nun ist es endlich soweit: Nach zahlreichen Spekulationen um neue Musik von Coldplay ist nun „Everyday Life“ erschienen - ein Doppelalbum.

Humor ist in der Musikwelt eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit, gerade bei Bands von Weltrang. Wenige Tage vor dem Erscheinen ihres neuen Studioalbums zeigten Coldplay mit Anzeigen in der neuseeländischen Zeitung „Otago Daily Times“ (Auflage: 43.000 Exemplare) und einer Anzeige in der „North Wales Daily Post“, wie man Journalisten im digitalen Zeitalter auf Trab hält. In Neuseeland bekamen die Leser alle Songtexte geliefert, während in Wales die Tracklist des mittlerweile achten Albums „Everyday Life“ abgedruckt wurde. Damit feiert die Band ihr neues Album auf originelle Weise. Sie zeigt aber auch, dass ihre PR-Abteilung weiß, was sie tut - denn natürlich erzeugt man mit solch einer sanft-abstrusen Guerilla-Vermarktung ein riesiges Medienecho.

„Wir haben ungefähr die letzten hundert Jahre an diesem Ding namens 'Everyday Life' gearbeitet“, heißt es in Briefen, die vorab an Fans versandt wurden; man könne das neue Werk auch ein Doppel-Album nennen. Eine Hälfte heißt „Sunrise“, die andere „Sunset“, ließ die Band um Sänger Chris Martin wissen. Zumindest für Vinyl-Fans ist es tatsächlich ein Doppelalbum geworden: zwei Schallplatten mit jeweils acht Songs, produziert von The Dream Team und mit Gästen wie Femi Kuti, Stromae, Tiwa Savage und Jacob Collier äußerst geschmackvoll geschmückt.

Zwischen „Sunrise“ und „Sunset“

„Everyday Life“, hieß es im Vorfeld, sollte ein „experimentelles“ Album werden. Natürlich finden sich hier wieder die hoffnungsvollen Klavierhymnen mit Chris Martins einzigartiger Stimme und den ganz großen Gesten. Aber Coldplay haben diesmal tatsächlich noch mehr im Gepäck: „Trouble In Town“ offenbart sich als wohlig-warmer Poptrack, der von fließenden E-Bass-Linien, zurückhaltendem Klavierspiel und beinahe flüsterndem Gesang geprägt ist. „Broken“ zaubert einen ganzen Gospel-Chor aus dem Hut, der zur Ekstase wenig mehr als kollektives Fingerschnippen braucht. „When I Need A Friend“ legt mit einem in endlosem Kirchenhall badenden Chorarrangement gesanglich noch einen drauf.

So ist „Everyday Life“ eine Art zweiseitiges Konzeptalbum geworden, das Erwartungshaltungen bedient, gleichzeitig aber auch viele kreative Freiräume erschafft. „Guns“ als Beginn der „Sunset“-Hälfte etwa ist ein wachgeküsster, karger Akustikgitarrensong, der wieselflink über ein paar geschrammelte Akkorde hinwegfegt. Der Titelsong „Everyday Life“, das Schlusslicht, erinnert dann als pompöses Klavierdrama wieder an die Lieder, die für Coldplay einst den Weg in die großen Hallen ebneten. Hits wie „Yellow“ oder „Speed Of Sound“ finden hier würdige Nachfolger. Die facettenreiche neue Platte hält aber auch ein paar Highlights für diejenigen bereit, die Weiterentwicklung erwarten und nicht bei jedem Konzert die ewig gleiche Setlist aus Mitsinghits einfordern.

Ob Coldplay im neuen Jahr gleich noch einmal ein neues Album veröffentlichen werden, wie zwischenzeitlich spekuliert wurde, ist derzeit unklar. Die Fans wie auch die Medien werden die Geschehnisse um die Band aber sicher weiter aufmerksam verfolgen - nicht nur in Neuseeland und Wales.

teleschau

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