Yann Tiersen

Eine Reise in eine andere Welt

Yann Tiersen hat für das Album „Portrait“ alte Stücke neu aufgenommen. Bei vielen Liedern war er mit ihrer damaligen Bedeutung nicht zufrieden.
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Yann Tiersen hat für das Album „Portrait“ alte Stücke neu aufgenommen. Bei vielen Liedern war er mit ihrer damaligen Bedeutung nicht zufrieden.

Seit 25 Jahren macht der Multiinstrumentalist Yann Tiersen Musik. Für sein neues Album „Portrait“ nahm er alte Songs neu auf - und entführt so in eine ganz neue Welt.

Mit den traumhaft schönen und gleichzeitig traurigen Klängen von „Comptine d'un autre été: L'Après-Midi“ setzte der französische Komponist Yann Tiersen sich einst ein wahres Denkmal: Er erhielt für die Filmmusik zur preisgekrönten Liebeskomödie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001) mit Audrey Tautou in der Hauptrolle dreimal Platin, einmal Gold und 2002 einen César für die „Beste Filmmusik“. Nun hat der Multiinstrumentalist das neue Album „Portrait“ veröffentlicht, auf dem er ausgewählte Stücke aus seinen bisherigen Alben live neu aufnahm - darunter auch „Comptine d'un autre été“.

Was kaum jemand weiß: Tatsächlich war Tiersen nie zufrieden mit dem Song. Nun konnte er ihn in einer Cembaloversion neu einspielen. „Ich fühlte mich, als hätte ich den Track wiederentdeckt und könnte ihn auf eine persönlichere Art und Weise spielen, indem ich ihn mit meinem eigenen Leben in Ouessant verbinde“, lässt der 49-Jährige sich in einer Pressemitteilung zitieren. „Es tut gut, ihn wiederzuhaben.“ Generell seien manche Lieder anders wahrgenommen worden als er es ursprünglich beabsichtigt hatte. Viele wurden für filmische Zwecke genutzt, doch das habe - wie bei dem Song „La Dispute“ - eine „Art falsche Maske auf das Gesicht des Monsters gesetzt“. Nun könnten die Menschen seine Musik in einem neuen Kontext hören und sehen, „was sie ist, und nicht, wofür sie benutzt wurde“. Die Masken konnten nun weichen und darunter erschienen Songs mit ganz neuen Bedeutungen.

Auch die neue Version von „Monochrome“ ist klarer als das Original (1998). „Das heißt natürlich nicht, dass ich die Originalversion nicht mag, aber ich wollte sie schon immer auf etwas Einfacheres reduzieren.“ Besonders spannend war für Tiersen, dass er seine alten Songs mit ganz anderen technischen Mitteln aufzeichnen konnte als damals die Originale: Die Musik auf „Portrait“ wurde live auf 24-Spur-2-Zoll-Band aufgenommen, dann im Stereo-Mix auf 1/4-Zoll-Band gemischt und von dort auf Vinyl gemastert. Für diese Aufnahmen lud er die Mitglieder seiner aktuellen Tourband, seine Ehefrau Emilie Tiersen, Ólavur Jákupsson und Jens L. Thomsen sowie zahlreiche Gastmusiker wie John Grant, Gruff Rhys, Blonde Redhead und Stephen O'Malley auf seine Heimatinsel Ouessant im Atlantik ein. Dort weihte er vor Kurzem sein neues Eskal-Studio ein.

Genial und einfallsreich

Es ist eine große Sammlung geworden: Insgesamt 25 Songs, davon drei neue, sind auf „Portrait“ enthalten. Es ist eine sagenhaft bunte Mischung aus seiner fast 25-jährigen Musikkarriere, angefangen bei seinem Debütalbum „The Waltz Of The Monsters“ (1995). Der gleichnamige Song daraus befindet sich ebenfalls auf dem neuen Album, diesmal aber mit weitaus gruseligeren Elementen, die an einen Horrorfilm erinnern: Während die alte Version noch mit Akkordeon eingespielt wurde, ist die neue geprägt von spieluhrähnlichen Tönen und untermalt von Chorklängen - ein meisterlicher Gänsehaut-Moment.

„Portrait“ ist ein gelungener Mix aus „Amélie“-ähnlichen, romantischen und dahinfließenden Titeln und aufwühlenden, bombastischen und schnellen Songs. Manchmal sind die Stücke gänzlich instrumental, oft werden sie durch Gesang unterstützt („Monochrome“, „Chapter 19“, „Closer“). Meistens bildet das Klavier die Grundlage, verziert mit Instrumenten wie Xylofon („Erc“), E-Gitarre („Prad“) oder Mundharmonika („La Dispute“). Manche Stücke kommen aber auch nur mit Klavier („The Old Man Still Wants It“, „Porz“) oder Geigen („The Wire“) aus. Der letzte Song besteht tatsächlich fast nur aus Sprechgesang („Thinking Like A Mountain“). Doch alle haben eines gemeinsam: Sie besitzen eine unfassbare Tiefe. Die Stücke werden ganz neu gehört, ganz neu empfunden - sie scheinen eine neue Geschichte zu erzählen.

Das Werk beweist, dass Tiersen auch nach 20 Alben, darunter auch die Soundtracks von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Good Bye, Lenin!“, nicht an Genialität und Einfallsreichtum verloren hat. Es ist ein Album voller heller und dunkler Töne, das zum Zurücklehnen, Genießen und vor allem zum Träumen einlädt. Und wieder merkt man, warum Yann Tiersen so erfolgreich Filmmusik komponiert: Seine Stücke entführen den Hörer immer wieder in andere Welten.

teleschau

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