Nina Simone

Die eigenen Wurzeln erforschen

Nina Simone war in den 80er-Jahren auf der Suche nach sich selbst.
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Nina Simone war in den 80er-Jahren auf der Suche nach sich selbst.

Auf ihrem nun wiederentdeckten Album „Fodder On My Wings“ begab sich Nina Simone Anfang der 80-er auf Spurensuche nach Afrika. Mitgebracht hatte die Sängerin liberianische Rhythmen - und ein Cembalo.

Anfang 1982 ging Nina Simone in ein Tonstudio in Paris, um ein Album aufzunehmen, ihr erstes seit vier Jahren. Zuletzt hatte sie „Baltimore“ veröffentlicht, eine ihrer schönsten späten Platten. „Fodder On My Wings“, das Ergebnis der Tage in Paris, galt hingegen lange Zeit als schwache Sammlung obskurer Stücke, geriet in Vergessenheit, wurde irgendwann wieder veröffentlicht, war aber auch bald wieder vergriffen. Die jetzige Wiederveröffentlichung zeigt, dass „Fodder On My Wings“ zu Unrecht abgestraft wurde; so persönlich wie hier kann man die 2003 verstorbene Sängerin auf nur wenigen ihrer Platten hören. Die Neuausgabe dieser lange missachteten Platte erscheint mit drei Bonus-Tracks, die auf der Originalausgabe von 1982 nicht enthalten waren, darunter ein berührendes, absolut kitschfreies Cover von Gilbert O'Sullivans „Alone Again Naturally“.

Die 80er-Jahre waren keine einfache Zeit für Nina Simone, vielleicht wurde dieses Album auch deshalb so lange ignoriert. Der große Star, als der sie einst gefeiert wurde, war die Sängerin aus North Carolina zu jener Zeit schon lange nicht mehr. Man kann es sich eigentlich kaum vorstellen, aber einige Zeit vor der Veröffentlichung von „Fodder On My Wings“ war die einstige „Hohepriesterin des Soul“ noch allabendlich in einem kleinen schäbigen Club in der Schweiz aufgetreten - für eine winzige Gage, nur, um finanziell irgendwie über die Runden zu kommen. Das wunderschöne Stück „Le Peuple En Suisse (There Is No Returning)“ handelt von dieser Zeit und von den Menschen dort, die sie liebte, wie sie singt, die aber auch stets das bekämen, was sie wollten.

Was sie selbst wollte, damals, 1982, wusste Simone wohl selbst nicht so recht. Und wo sie hingehörte, schon gleich gar nicht. Bis sie sich Anfang der 90er-Jahre in Südfrankreich niederließ, wo sie bis zu ihrem Tod lebte, war die Sängerin eine Getriebene. Den Stücken auf „Fodder On My Wings“ hört man das an. Der Jazz, wie sie ihn seit den 50er-Jahren spielte, ist noch da, mischt sich aber mit viel Weltmusik.

„Wir wissen gar nichts über uns“

Vor ihrer Zeit in der Schweiz hatte Simone in Liberia gelebt und von dort den „Liberian Calypso“ mitgebracht. So lange habe sie davon geträumt, nach Hause zu kommen, heißt es in dem Song. Liberia, das war für Nina Simone, wie für viele andere Nachkommen einstiger Sklaven, ein Sehnsuchtsort. Es sei die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen, sagte sie einmal, weit weg von dem Rassismus ihrer amerikanischen Heimat. Doch der afrikanische Traum war nach zwei Jahren vorüber, Simone ging das Geld aus.

Das weiße Amerika hatte sie einst geliebt, vielleicht, weil sie sich an Bach orientiert hatte und den anderen Kulturheroen Europas; man schätzte sie dafür, den Kontrapunkt in den Jazz gebracht zu haben. Für Simones eigentliches Anliegen aber, den Kampf gegen den Rassismus, zeigte der amerikanische Mainstream kein Interesse. Als sie 1964 „Mississippi Goddam“ sang, diese wütende Reaktion auf einen Mord an einem Farbigen, war das Band endgültig durchtrennt. Simone sprach sich öffentlich dafür aus, den Rassenhass gewaltsam zu bekämpfen, mittels Brandstiftung und blutiger Revolution, und ihre Songs wurden politischer. Hören wollten das bald nur noch wenige, auch wenn Simone selbst sich als „Auserwählte“ betrachtete.

Auf „Fodder On My Wings“ scheint Nina Simone wieder ganz in sich zu ruhen. Der Zorn ist einer abgeklärten Weltsicht gewichen. Die Kontrolle über das Album lag nun ganz in ihren Händen. Fast alle Songs schrieb sie selbst, für die Aufnahmen stellte sie in Paris eine kleine Band zusammen, die afrikanische Rhythmen mit Südstaaten-Spirituals und französischen Einflüssen kombinierte. „Color Is A Beautiful Thing“ ist eine Aufforderung, zu sich zu stehen (vielleicht als Fortsetzung zu „Ain't Got No, I Got Life“ von 1968 gedacht), „Il y a un baume à Gilead“ eine sanftere Version des Spirituals „There Is A Balm In Gilead“, den sie für das „Baltimore“-Album schon einmal eingesungen hatte. „Fodder In Her Wings“ - wieder mit afrikanischen Rhythmen, aber auch mit einem Cembalo, später dann einem Piano - ist ein weiteres Stück über die Zeit in Afrika, aber auch die perfekte Synthese aus Simones klassischer musikalischer Ausbildung und ihrem Drang, ihre Herkunft zu erforschen. „Ich will Schwarze neugierig darauf machen, woher wir kommen. Wir wissen gar nichts über uns“, hatte sie einmal gesagt. Zumindest ihren eigenen Wurzeln hat sich Nina Simone auf „Fodder On My Wings“ genähert wie nie zuvor.

teleschau

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