Maxim

Easy Listening für Schwermütige

Fast schon ein Lächeln: Maxim hat sich vorgenommen, die Sonnenseiten des Lebens mehr zu feiern.
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Fast schon ein Lächeln: Maxim hat sich vorgenommen, die Sonnenseiten des Lebens mehr zu feiern.

Maxim gewann 2019 den Deutschen Musikautorenpreis, doch die Schwermut seiner letzten Alben zwang ihn selbst in die Knie. Mit „Grüne Papageien“ versucht er den Befreiungsschlag.

Vier Jahre nach „Das Bisschen was wir sind“ erscheint mit „Grüne Papageien“ das sechste Studioalbum von Maxim. Der Opener „Wie man loslässt“ ist bereits als Single bekannt und legt den roten Faden für das gesamte Album. Denn „Grüne Papageien“ ist ein Manifest des Eskapismus. Es geht dabei aber nicht nur um einfache Realitätsflucht, sondern vielleicht auch um eine Sehnsucht nach Leichtigkeit. Jemand, der so sehr wie Maxim zur Melancholie neigt, läuft immer Gefahr, im eigenen Tiefsinn zu ertrinken. Nach der letzten Platte sei er „richtig durch“ gewesen und habe „keinen Bock mehr zu schreiben“ gehabt, gibt der Künstler in einer Pressemail zu. Das neue Album soll nun ein Befreiungsschlag sein, auch wenn Maxim die erträgliche Leichtigkeit des Seins auf dem Weg dorthin ein wenig erzwingen musste.

Diesen Prozess beschreibt der Opener authentisch: „Muss ich erst auf die harte Tour lernen, wie man loslässt? Weil ich allmählich glaube, dass ich das gar nicht kann.“ Ein Selbstfindungstrip, untermalt von sphärischen Klängen. Schwerelos leicht schwebt das Arrangement über den Dingen.

Maxim wusste immer, wie man den Hörer mitreißt. Man denke nur an den Track „Buntstifte“ vom letzten Album - dem Titel zum Trotz so dunkel, dass man die besungene Depression im eigenen Inneren zu spüren glaubt. Nun also stattdessen: Aufbruchstimmung, der Sonne entgegen. Zum Beispiel nach „Marseille“. Der Track, ja das ganze Album, ist ein Fluchtfahrzeug, auf der Flucht vor der Melancholie. „Fahr mit mir diese Nacht durch, morgen früh sind wir in Marseille“, fordert er mit Falsettstimme in einem atmosphärischen Roadmovie-Song.

Auch „Automat“ setzt auf Entspannung und verbreitet dabei viel gute Laune. Bei dieser Reise ins La-La-Land wollen die Füße einfach nicht stillhalten. Man kann ohne Übertreibung sagen: Die Hörer werden Zeuge des bestgelaunten Maxim-Songs seit seinen Reggae-Anfängen. „Ein Automat weiß nicht warum, aber der ist auch alleine und wir haben uns. Ein Kapitalist versteht das nicht, Ich kann auf alles verzichten bis auf dich.“ So einfach kann es sein. Und so schwer zugleich.

Keine Sorge, Maxim bleibt sich bei all der Sehnsucht nach Leichtigkeit trotzdem treu. Man hört den Texten und Kompositionen an, dass er versucht, die Sonnenseiten des Lebens zu feiern, ohne zu vergessen, dass die Schatten unweigerlich dazugehören. „Folie/Föhn“ ist Fröhlichkeit in Nahaufnahme und im Zeitlupen-Replay. Doch klingt die Idylle mit der surrealen musikalischen Untermalung fast zu schön, um wahr zu sein: „Die Wellen und das Meer, sie sind nur eine Folie und ein Föhn und es ist einfach wunderschön.“

Experimentierfreudig und emotional

Der neu gewonnenen Ruhe misstraut Maxim selbst. Am deutlichsten im titelgebenden Song „Grüne Papageien“. Der Liedermacher liefert hier experimentierfreudigen, leichtfüßigen Pop für Anspruchsvolle, wie ihn sonst eigentlich nur Bilderbuch hinbekommen. Inhaltlich erinnert der Text daran, wie eng Ekstase und Ernüchterung oft beieinander liegen. „Die Wirklichkeit, sie rollte in Zeitlupe auf uns zu.“ Und die grünen Papageien, deren Flugshow man gerade noch romantisch verklärt folgte? „Als wir uns die Augen rieben, sind sie wohl vom Himmel gefallen.“

Was Maxim hier geschafft hat, ist Easy Listening für Schwermütige. Dabei kreiert er, als es einmal besonders schwermütig wird, eines der erdrückendsten Stücke der letzten deutschen Pop-Jahre: „Die Asche von Claude“ bezieht sich auf den Großvater des Künstlers - Pfarrer und Missbrauchstäter. „Dass das alles weit weg und so lange her ist und er keinen Schaden mehr anrichten kann - aber schau uns doch an!“ Schmerzhafte Erinnerungen, in Musik transformiert, so intensiv, dass es einem die Tränen in die Augen presst.

„Grüne Papageien“ produzierte Maxim selbst. Auch das ist vielleicht ein Befreiungsschlag, hin zur mehr künstlerischer Freiheit. Das psychedelische Element, welches Maxim auf der Platte immer wieder zelebriert, hat viel zu tun mit der Musik, die er selbst gerne hört. Man denkt an die Beatles, die frühen Pink Floyd, Mac deMarco, Tame Impala, Serge Gainsbourg oder auch Nick Cave.

Als Zuhörer genießt und schätzt man Maxims emotional stark beladene Musik, in der es nach wie vor genug Raum für Schmerz und Leid gibt. Privat wünscht man Maxim Richarz, wie der Musiker bürgerlich heißt, dass er noch viel mehr ans eigene Glück glaubt. Wie im Stück „Anais“, in dem er aufmuntert: „Anais, du wirkst etwas zerknittert, wie du da so in deiner Rettungsdecke sitzt, hast du nicht gehört, was der Feuerwehrmann sagte? 'Alles was jetzt noch kommt ist Glück'.“

teleschau

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