Camila Cabello

Dramatischer als jede Seifenoper

Nach der Girlgroup-Karriere mit Fifth Harmony startet sie nun richtig durch: Camila Cabello zeigt auf ihrem zweiten Solowerk „Romance“, dass sie ihre musikalische Nische gefunden hat.
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Nach der Girlgroup-Karriere mit Fifth Harmony startet sie nun richtig durch: Camila Cabello zeigt auf ihrem zweiten Solowerk „Romance“, dass sie ihre musikalische Nische gefunden hat.

Ex-Castingshow-Kandidatin Camila Cabello hat auf ihrem Zweitwerk „Romance“ ihre Nische gefunden. Sie verwebt geschickt Einflüsse aus lateinamerikanischen Musikstilen und zelebriert den großen Pathos-Pop so meisterhaft wie kaum eine andere zeitgenössische Sängerin.

Castingshows sind so gut wie tot, aber ihre Hinterlassenschaften werden uns noch lange begleiten. Die inzwischen international etablierte Instanz „X-Factor“ zum Beispiel brachte nicht nur die Teenie-Herzensbrecher von One Direction (Großbritannien) hervor, sondern auch: Camila Cabello. Die amerikanisch-kubanische Sängerin flog in der US-Ausgabe der Show erst raus, gründete dann aber mit Kolleginnen aus derselben Staffel die Band Fifth Harmony und stellte sich schließlich als Gruppenstärkste heraus, dazu bestimmt, wieder auszusteigen und eine Solokarriere hinzulegen. So, wie man es schon öfter in der Pop-Welt erlebte.

Interessant war aber, dass Cabellos Soloschaffen sich von Anfang an vom schwülstigen Fifth-Harmony-Sound abgrenzte. Anstelle von EDM-Bombast war die erste eigene Single „Crying In The Club“ (2017) eine reduzierte Mid-Tempo-Nummer. Das Debütalbum sollte damals noch „The Hurting. The Healing. The Loving“ heißen und offensichtlich eine balladeske Abhandlung der Trennung werden. Es kam anders: Das Stück „Havana“, ursprünglich nur als Promo-Single gedacht, wurde so erfolgreich, dass es nachträglich an die Radios ausgespielt und zur Lead-Single von Cabellos erstem eigenen Album umfunktioniert wurde. Aufgrund der Salsa-Rhythmik und der Verweise auf Cabellos kubanische Herkunft wurden lateinamerikanische Musik und Lebensart zu neuen Leitmotiven ihres Erstlings „Camila“ (2018). „Havana“ wurde im September 2018 zum meistgestreamten Song einer weiblichen Künstlerin auf Spotify.

Viel mehr als nur „Señorita“

Knapp zwei Jahre nach ihrem ersten großen Hit präsentiert „Romance“ eine Camila Cabello, die sich von ihren Anfängen längst emanzipiert und zwischen den reduzierten Balladen und den lateinamerikanischen Einflüssen ihre Nische gefunden hat. „Should've Said That“ und „Liar“ sind die draufgängerischen älteren Geschwister von „Havana“: Flamenco-Gitarren und Mariachi-Trompeten verschmelzen mit elektronischer Pop-Musik, während die 22-Jährige von schwindelerregenden Küssen singt.

Die größeren Melodien und mehr Charisma als die Mehrheit der Künstler im Top-40-Pop hat Cabello sowieso. Das stellt die Lead-Single „Shameless“ unter Beweis, eine Power-Ballade mit mehr Dramatik als jede Seifenoper. Schade, dass diesem Titel von einem anderen Song der Rang abgelaufen wurde, was Radio-Rotation und Streaming-Zahlen betrifft: „Señorita“ ist ein Duett mit Camilas Lover Shawn Mendes - „Shamila“ wird diese Liaison im Boulevard genannt - und erschien eigentlich schon auf dessen letztem Album, muss aber nun auch an dieser Stelle von den Chart-Machern mitgezählt werden.

Dieser etwas belanglose Tiefpunkt der Tracklist, der trotzdem zum offiziellen Sommerhit 2019 gekürt wurde, ist glücklicherweise schnell vergessen, wenn „Romance“ auf der Zielgeraden schließlich auch das letzte bisschen Produktionsballast ablegt: „Used To This“, eine Ode ans Verliebtsein, haucht Cabello über kaum mehr als eine Basslinie und ihren eigenen Hintergrundgesang. Der abschließende Song „First Man“ ist ihrem Vater gewidmet. Der muss überzeugt werden, dass Camila den richtigen Partner gefunden hat. Es tut ihm weh, dass sie ihre wenige freie Zeit nicht nur bei der eigenen, sondern auch bei dessen Familie verbringt. Wenn dann in der letzten Strophe die Hochzeit zwischen seiner Tochter und (mutmaßlich) Shawn Mendes imaginiert wird, hat aber wahrscheinlich nicht nur Señor Cabello Tränen in den Augen, sondern auch die Hörerschaft. Und es wird klar: Den großen Pathos-Pop zelebriert aktuell kaum jemand so meisterhaft wie Camila Cabello.

teleschau

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