Katy Perry

Das Feuerwerk ist vorbei

"Bis man mich unter Gänseblümchen vergräbt" - Katy Perry zeigt auf "Smile" auch ihre morbide Seite.
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„Bis man mich unter Gänseblümchen vergräbt“ - Katy Perry zeigt auf „Smile“ auch ihre morbide Seite.

Für ihre alten Glanztaten ist Katy Perry ein Platz im Pop-Olymp längst sicher. Aber ihr maximal gut gelaunter Stil ist in die Jahre gekommen. Auf Teilen des neuen Albums „Smile“ gelingt es ihr, sich als trauriger Clown neu zu erfinden.

Von der Durchbruchsingle „I Kissed A Girl“ (2008) bis zu ihrer-Super-Bowl-Show (2015) war Katy Perry eine Institution. Mit scham- und schnörkellosem Dance-Pop über Liebe, gute Laune und Freizeitspaß und dem Look eines in Kaugummi getunkten Pin-up-Models funktionierte sie auf der Ferienhausveranda ebenso gut wie in der H&M-Umkleide. Mit ihrem Album „Teenage Dream“ schaffte sie es, ganze fünf Singles auf der Nummer eins der US-Charts zu platzieren.

Um 2015 aber endete mit der Ära der Großraumdiscos auch die Zeit des elektronisch produzierten Gute-Laune-Sounds, für den Katy Perry stand. Auf „Witness“ (2017) versuchte sie deshalb mit allen Mitteln, sich an der Relevanz festzuklammern - mit pseudo-politischen Textzeilen („Chained to the Rhythm“), drastischen Musikvideos („Bon Appetit“) und ganz viel Beteuern, dass nun aber wirklich die echte, authentische Katy Perry auftrete. Doch bei der Kritik und in den Charts fiel das Album durch. Der Zeitgeist ist der größte Feind gerade weiblicher Popstars - nicht ohne Grund musste sich Madonna im Laufe ihrer Karriere zigfach neu erfinden. Das panische Ringen nach Aufmerksamkeit hat Katy Perry seit ihrem Engagement als Jurorin bei „American Idol“ nicht mehr nötig. Aber kann sie musikalisch noch mithalten in einer veränderten Pop-Musik-Landschaft?

Weinen in der Disco

„Smile“ zeigt endlich, dass Katy Perrys Teenager-Träume ausgeträumt sind. Die 35-Jährige hatte in den letzten Jahren mit Trennungen und Depressionen zu kämpfen und erwartet parallel zur Veröffentlichung des neuen Albums auch ihr erstes Kind. Und während „Smile“ musikalisch zum opulenten Dance-Pop zurückkehrt, drücken die Texte klar aus, dass das titelgebende Lächeln ein erzwungenes ist. Dazu passend mimt Katy Perry auf dem Cover einen traurigen Clown. Das Motiv „Tanzen mit Tränen in den Augen“ oder „Weinen in der Disco“ gibt es in der Pop-Musik nicht erst seit den gleichnamigen Hits von Ultravox und Alcazar. Zuletzt bezeichnete auch Dua Lipa ihre Musik als „Dance-Crying“. Auf den ersten Anspielstationen von „Smile“ eignet Katy Perry sich diesen Stil mit beeindruckender Konsequenz an und liefert bei „Daisies“ auch noch einen höchst eingängigen Refrain ab, der mit denen von Hits wie „Firework“ problemlos mithalten kann. Sie werde sich nicht unterkriegen lassen, bis man sie unter Gänseblümchen vergrabe, singt sie - ein morbides Bild für eine „American Idol“-Jurorin.

Spätere Songs klingen leider eher nach Selbsthilfe-Ratgeber oder nach der Person, die einem ein forderndes „Lach doch mal“ vor den Latz knallt, wenn es einem nicht gut geht, so als wäre das so einfach. Katy Perry ist nach wie vor nicht die Frau für den Tiefgang, sondern die für die großen Refrains und die großen Gefühle. Highlights wie „Cry About It Later“ übertragen diese Fähigkeiten aber gekonnt auf einen neuen, schwermütigeren Stil mit Disco-, Trap- und Synth-Pop-Einflüssen und machen Hoffnung, dass nach ein paar Anlaufschwierigkeiten doch noch ein lohnendes Spätwerk gelingt.

teleschau

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