Tarek K.I.Z.

Die Dämonen, die im Schatten thronen

Tarek K.I.Z. zeigt auf „Golem“, dass in ihm mehr steckt als ein sprücheklopfender Provokateur.
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Tarek K.I.Z. zeigt auf „Golem“, dass in ihm mehr steckt als ein sprücheklopfender Provokateur.

Das erste Soloalbum von Tarek K.I.Z. ist eine moderne HipHop-Parabel auf die Dämonen unserer Zeit. Neben bildhaften Analysen zu Themen wie Rechtsruck, toxischer Liebe und Depressionen legt das Mitglied der Berliner Rap-Gruppe K.I.Z. ein beeindruckendes Bekenntnis zur eigenen Schwäche vor.

Der Golem ist ein aus Lehm erschaffenes Wesen, das die jüdische Gemeinde vor Angriffen schützen soll. Aufgrund der menschenähnlichen Eigenschaften dieser Sagenfigur passiert es in vielen Golem-Erzählungen aber, dass der Superhelden-Dämon außer Kontrolle gerät und zum Zerstörer seiner eigenen Schöpfer wird. In der Kunst fungiert der Golem oft als Symbol für Ängste und Gefahren. Der Rapper Tarek Ebéné alias Tarek K.I.Z. nennt nun sein erstes Soloalbum „Golem“. Als Teil der Berliner Band K.I.Z., die mit Humor und Punk-Attitüde regelmäßig HipHop-Klischees und Gesellschaftsphänomene durch den Kakao zieht, steht er seit 15 Jahren auf der Bühne. Tarek ist das erste Mitglied, das sich mit einem ganzen Album aus dem Bandkontext löst. Und: Er befreit sich auch aus der Rolle des bloßen Provokateurs.

Denn anstatt mit hyper-ironischen Partyslogans die Erwartungen von K.I.Z.-Fans zu bedienen, widmet Tarek sich auf „Golem“ vor allem den Dämonen - den fremden und seinen eigenen. Es geht um den Kampf mit der Kokainsucht („Weißer Drache“), Erfahrungen mit häuslicher Gewalt („Letzte Chance“) und die Flucht vor der eigenen Depression („Kaputt wie ich“). Schon der Opener, die zweite Single „Ticket hier raus“, zeigt auf, dass Tareks Alleingang ernsthafter ausfällt als die Musik seiner Band.

Auf einem schwermütigen Appregiator-Arrangement, gestaltet von Hauptproduzent Philipp Hoppe und Tareks Band-Kumpel Nico Seyfrid, kommentiert er etwa die bedenklichen Tendenzen einer egoistischen Leistungsgesellschaft: „Wie der Typ neben mir einen Platz weiter rutscht / Er fühlt sich beklaut, wenn man ihm in seine Zeitung guckt“. Natürlich ist da auch noch der morbide K.I.Z-Humor, für den die Musiker als „Skandal-Rapper“ berühmt wurden. Etwa, wenn Tarek im Video zu „Nach wie vor“ vermeintlich Doubles der AfD-Parteispitze niedermetzelt, womit er vor einigen Wochen nicht nur im rechten Lager entsetzte Reaktionen hervorrief.

Jedes Ende ist ein Anfang

Trotzdem ist „Golem“ in erster Linie persönlich und intim. Die namensgebende Figur wird zwar mit keinem Wort erwähnt, schwingt aber immer mit als Metapher für die eigene Ambivalenz zwischen Zuversicht und Depression. Zum Beispiel in „Liebe“, einem Dunkelkammer-Trap-Song über eine toxische Beziehung, der unter anderem auch von enormer Fragilität zeugt: „Ich misstraue Nähe, Sie misstraut Distanz / Denn wenn sie jemanden geliebt hat, ist er irgendwann fortgegangen“. Tareks Stimme bricht in dem Stück immer wieder weg, wird dann aber doch wieder durch die Autotune-Software geradegerückt - ganz so, als wolle der Stimmen-Effekt Tarek aufgrund seiner Wankelmütigkeit ermahnen. Auch hier thront der Golem im Schatten.

Das Umfeld aus modernen Synthesizer-Beats und melodischer Eingängigkeit konterkariert Tareks düstere, fast fatalistische Haltung gegenüber der Welt. Wo K.I.Z. sich gerne in Überspitzungen und Witze flüchten, legt Tarek seine Schwächen offen und erkennt, dass eine negative Lebenseinstellung nur zu noch mehr Negativität führt. Am eindrucksvollsten dekonstruiert er die eigene Haltung auf dem Abschlusstitel „Frühlingstag“. Der Song behandelt den Tod seines an Krebs erkrankten Vaters, dem das Album „Golem“ gewidmet ist. „Das Ganze soll mir eine Lehre sein / Dass ich mein Leben nun zu schätzen weiß“. Der professionelle Sprücheklopfer hat die Tragödie erlebt. Aber: Das Ende ist hier auch ein Anfang.

teleschau

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