Festival-Sommer in Gefahr

Corona: Was passiert mit den großen Musikfestivals?

Schauen Musik- und Festivalfans in diesem Sommer in die Röhre? Noch halten viele Veranstaltungen wie Rock am Ring (Festivalbild von 2019) an ihren Terminen fest. Hinter den Kulissen arbeiten die Veranstalter jedoch an Exit- und Verlegungsstrategien.
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Schauen Musik- und Festivalfans in diesem Sommer in die Röhre? Noch halten viele Veranstaltungen wie Rock am Ring (Festivalbild von 2019) an ihren Terminen fest. Hinter den Kulissen arbeiten die Veranstalter jedoch an Exit- und Verlegungsstrategien.

Fallen die großen Musikfestivals im Sommer 2020 aus? Und was ist mit Tourneen in diesem Corona-Frühling, für die man immer noch Karten kaufen kann? Momentan drücken sich die meisten Veranstalter noch um eine Absage. Welche Rechte haben die Ticketkäufer?

Nur eines ist klar: Bis zum 20. April, so verlautete es aus dem Kanzleramt, bleiben alle derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus bestehen. In einigen Regionen Deutschlands wurden alle Veranstaltungen bis zum 30. April verboten. Für Musikfans bedeutet das logischerweise: keine Konzerte, zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Doch man benötigt wenig Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass große Menschenansammlungen auch über den April hinaus verboten bleiben könnten. Momentan drücken sich die meisten Veranstalter noch um ein klares Statement zur Sachlage. „Nach derzeitigem Stand findet Rock am Ring wie geplant statt und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren“, verkündet zum Beispiel die Webseite des XXL-Festivals in der Eifel. Wie seine Schwesterveranstaltung Rock im Park in Nürnberg ist das Event, zu dem im letzten Jahr 85.000 Besucher kamen, für die Zeit von 5. bis 7. Juni geplant. Man kann auch nach wie vor Karten dafür kaufen. „Tickets werden nach wie vor, allerdings in verminderter Frequenz, verkauft“, äußert sich Chef-Veranstalter Marek Lieberberg gegenüber der Nachrichtenagentur teleschau zu der Frage, wer sich jetzt noch Tickets für den Juni besorgt.

Ebenso bieten das Hurricane im norddeutschen Scheeßel und seine Partnerveranstaltung Southside nahe des Bodensees für den 19. bis 21. Juni fleißig Festival-Pässe an. Einerseits muss man die großen Konzert-Agenturen wie FKP Scorpio (Hurricane) oder Marek Lieberberg (Rock am Ring) verstehen. Da arbeitet man ein Jahr lang an der Organisation eines Großevents; das wirtschaftliche Überleben von Veranstaltern, Musikern und anderen, die mit Konzerten ihr Geld verdienen, steht auf dem Spiel. Da hilft jedes verkaufte Ticket ein bisschen, den Betrieb am Laufen zu halten. Veranstalter bieten längst „Geistertickets“ an oder bitten Käufer von Karten, das ihnen bei Verschiebung einer Veranstaltung zustehende Geld zur Unterstützung des Künstlers oder Festivals nicht zurückzufordern.

Bei großen, kommerziell orientierten Massen-Events dürfte diese Support-Idee schwerer zu vermitteln sein, auch wenn Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg die Fans um ihren Support bittet: „Die meisten wahren Fans halten an Eintrittskarten fest, weil sie damit Hoffnungen und Erwartungen verknüpfen. Hier zeigt sich auch die Qualität der Verbindung von Künstlern und Anhängern. Da die Karten für Konzerte, die aufgrund dieser Pandemie verschoben werden, Gültigkeit behalten, erwarten wir von allen Fans der Live-Musikkultur, auf eine Rückerstattung zu verzichten.“ Doch: Welche Rechte haben die Verbraucher?

Aus Angst vor einer Infektion: Darf ich mein Ticket zurückgeben?

Grundsätzlich besteht für jedes erworbene Ticket das Recht auf Rückerstattung, sollte die Veranstaltung zum ursprünglich angesetzten Zeitpunkt nicht stattfinden. Der Käufer kann sich auf eine Verschiebung einlassen, muss es aber nicht. In der Regel erstatten jene Vorverkaufsstellen, bei denen man seine Karten erworben hat, den vollen Betrag zurück. Auch Gutscheine muss man nicht akzeptieren. Ein Rückzahlungsanspruch verjährt erst nach drei Jahren.

Schwieriger wird es mit Reisen, die beispielsweise rund um ein mehrtägiges Musikfestival gebucht wurden. Hat man Flüge, Bahnreisen und Hotelzimmer im Rahmen einer Pauschalreise zusammen mit dem Festivalticket erworben, dürfte es bei der Rückerstattung kaum Probleme geben. Doch was ist, wenn man jeden Posten einzeln gebucht hat? Hier ist man auf Kulanz des jeweiligen Anbieters angewiesen. Die Deutsche Bahn macht diesbezüglich Angebote: Zugbindungs-Tickets können bis zum 30. April in Reisegutscheine umgewandelt werden, Flextickets kann man ohnehin bis vor dem Reisetag kostenfrei erstattet bekommen.

Die derzeitige Zurückhaltung der Konzertanbieter, was Absagen betrifft, hat verschiedene Ursachen. Zum einen hofft der eine oder andere, dass das Herzensprojekt doch noch stattfinden möge. Dazu ist die Art der Absage natürlich auch ein versicherungsrechtliches Problem. Wenn beispielsweise ein Bundesland, dem der Infektionsschutz obliegt, Veranstaltungen untersagt, befindet sich der Veranstalter in einer besseren Position, was Zahlungen von Versicherungsleistungen betrifft, als bei einer proaktiven Absage aufgrund - zu Recht - existierender Sorgen von Musikern, Festivalmitarbeitern und Ticketkäufern. Auf den Webseiten großer deutscher Konzertveranstalter wie FKP Scorpio oder Karsten Jahnke kann man nachlesen, dass es keinen Erstattungsanspruch für Konzerte gibt, die noch nicht abgesagt sind. Natürlich ist es möglich, mit dem Veranstalter eines Konzerts, für das man Tickets erworben hat, in Kontakt zu treten und nach Lösungen auf Kulanzbasis zu fragen.

Macht eine Konzert-Verlegung in den September Sinn?

Ohnehin laufen bei sämtlichen Veranstaltern alle Maschinen auf Hochtouren, um Verlegungen von Tourneen zu organisieren. Bei den Juni-Festivals wie Hurricane oder Rock am Ring dürfte dies aufgrund der komplexen Logistik mit einer gewaltigen Zahl von für diesen Termin gebuchten Künstlern fast unmöglich sein. Anders verhält es sich bei den Einzeltourneen vieler Bands und Künstler, an deren Verlegung in den kommenden Herbst oder Winter derzeit hinter den Kulissen gearbeitet wird.

Zahlreiche Konzertreisen wurden bereits offiziell verschoben, beispielsweise die von Jazz-Star Gregory Porter von März auf Dezember. Wann überhaupt wieder mit Live-Musik im größeren Stil zu rechnen ist, kann derzeit niemand seriös beantworten. Dass einige Tourneen auf den September verlegt wurden, ist zumindest optimistisch gedacht. Bands wie Sisters of Mercy (ab 5.9.) oder Deine Freunde (ab 14.9.) veröffentlichten bereits neue Termine, auch das mecklenburgische Immergut Festival (ursprünglich für den 29. bis 31.5. vorgesehen) hat - als eines von ganz wenigen Festivals - einen neuen Termin vom 3. bis 5. September gefunden.

Klar ist, dass Versicherungsleistungen und auch Gelder aus den diversen Rettungsschirmen des Bundes im Zuge der Coronakrise in den kollabierten Konzertbetrieb des Frühjahrs und vielleicht auch Sommers 2020 fließen werden. Doch nicht nur Veranstalter, sondern vor allem Musiker selbst dürften von der Krise enorm betroffen sein. So schön kostenlos im Internet gestreamte Konzerte auch sind: Geld verdienen Musiker seit dem weitgehenden Zusammenbruch des Tonträgermarktes im Zuge der Digitalisierung heute fast nur noch mit Live-Musik. Solange diese nicht stattfindet, wird die Existenz vieler Künstler nicht nur von einer Pandemie, sondern auch von einem Auftrittsverbot bedroht.

teleschau

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