Drangsal: Harieschaim

Copy/Paste - Ja, und?

Drangsal - Harieschaim

Mit seinem Debüt "Harieschaim" zeigt der Pfälzer Drangsal, dass ein menschenscheuer Provinzler dem Pop zwar kein neues, aber im Jahr 2016 selten gesehenes Gesicht geben kann.

Jenny Elvers im Video zur ersten Vorab-Single "Allan Align": eine Garantie für Aufmerksamkeit seitens der Boulevard-Presse. Auch einem Interview mit der "Bild" entsagte sich Drangsal nicht. Vielmehr lechzt der Newcomer nach Chartplatzierungen und macht daraus keinen Hehl. Drangsal springt einem auf den ersten Blick als ruhm- und mediengeiler Newcomer aus dem hinterletzten Kaff ins Gesicht. Und dann auch noch dieser schlichte, glatte 80er-Jahre-Gedächtnissound, der nichts Eigenständiges zu bieten hat. Einen schrecklich uninspirierten und eklig anbiedernden ersten Eindruck hinterlässt der Südpfälzer schon vor seinem Debüt "Harieschaim". Doch wer nicht genau hinschaut, ist selber schuld. Und verpasst was!

Herxheim hinter Landau, mitten in der Einöde. Das ist die Heimat von Max Gruber alias Drangsal und gleichzeitig in seiner dialektischen Form titelgebend für sein Debüt. Sein erster Versuch, nach Berlin zu ziehen, scheitert, weil er Angst vor U-Bahnen hat, Tanzen sowieso nicht sein Ding und er allgemein lieber für sich alleine ist. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um einen Platz in der Öffentlichkeit zu finden. Doch für Drangsal war dieser Schritt und das, was folgte, wegweisend. Der heute 22-Jährige flüchtete nach Leipzig zu seinem Jugendfreund Fabian Altstötter. Der arbeitete zu diesem Zeitpunkt gerade hochkonzentriert an seiner neuen Sizarr-Platte. Ein Motivationsschub für Gruber. Und darüber hinaus findet er durch diese Verbindung neue Unterstützung in Form von Produzent Markus Ganter (Casper, Tocotronic), die gewaltige Ergebnisse bringt.

Gitarren, Synthesizer und Bässe werden auf "Harieschaim" zu einem kitschigen, eingängigen Sound arrangiert: glatter Pop, der aber Gewicht hat. Nicht zuletzt dank Drangsals starker, schreiender Stimme und punktgenauer Produktion, die des einen oder anderen Arschtritts Ganters an Gruber bedurfte. Melancholie und Depression geben textlich und klangtechnisch den Ton an. Trennung, Abneigung, Abhängigkeit machen sich thematisch bemerkbar. Der vielleicht einzige Wunsch, der unbefriedigt bleibt, ist nach dem Volltreffer "Will Ich Nur Dich": mehr auf Deutsch! - Die meisten Texte auf "Harieschaim" sind in englischer Sprache.

Vom ersten Ton an schlägt dem Hörer der 80er-Jahre-Sound unverfälscht ins Gesicht. Als hätte man The Cure und Joy Division ins Jahr 2016 gehievt, als gäbe es eine Reinkarnation von The Human League und Prefab Sprout im Hier und Jetzt. Sicher kann man Gruber an dieser Stelle vorwerfen, zu stark zu kopieren, keine eigene Handschrift zu zeigen. Doch interessant ist, dass Gruber diese Bands gar nicht als primäre Referenzgruppen angibt. Musik kennen und lieben gelernt hat er durch Marilyn Manson, wichtige Inspirationen für ihn waren Morrissey und seine The Smiths. Während der Entstehung von "Harieschaim" hörte er hauptsächlich frühe Neue Deutsche Welle und New Wave. Da liegt es doch nahe, Drangsal zu glauben, dass er schlicht und ergreifend Spaß an seinem orchestralen Breitwand-Pop hat.

Und es mag wohl sein, dass Drangsal damit hauptsächlich Altbekanntes neu aufleben lässt. Aber immerhin bietet er so eine Alternative zu den sich ewig wiederholenden, immer gleichen Indie-Pop-Rock-Songs, mit denen sich die Musiklandschaft seit Langem übersättigt. Ein Stil, von dem Gruber sich klar distanziert. Unverblümt spricht er sich gegen den gesamten Deutsch-Pop aus, schimpft auf affektierte Provokation und gewollte Authentizität. Und beweist als langweiliger Stubenhocker, dass sein Stil zwar repetitiv ist, aber sich zumindest vom Einheitsbrei des ach so individuellen Hipstertums abhebt.

Drangsal auf Tournee:

21.04.2016, Berlin, Badehaus Szimpla

16.05.2016, Essen, Strandbad Werden im Löwental - Pfingst Open Air Werden

27.05.2016, Augsburg, Kongress am Park - Modular Festival

28.05.2016, Neustrelitz, Am Domjüchsee - Immergut Festival

04.06.2016, Mannheim, Maimarktgelände - Maifeld Derby

25.06.2016, Chemnitz, Stausee Rabenstein - Kosmonaut Festival

16.07.2016, Gräfenhainichen, Ferropolis - Melt! Festival

30.07.2016, Dortmund, Westfalenpark - Juicy Beats Festival

05.08.2016, Münster, Maikotten - Auf weiter Flur Festival

11.08.2016, Haldern, Alter Reitplatz - Haldern Pop Festival

20.08.2016, Hamburg, Festivalgelände Wilhelmsburg - MS Dockville Festival

28.08.2016, Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld - c/o pop Festival

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