Ein zu junger Mann

Bryan Ferry: Bitter Sweet

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„Bryan Ferry - Bitter Sweet“: Endlich kommt eine Werkschau von Ferry- und Roxy Music-Songs im 20-er-Jahre-Stil des famosen Bryan Ferry Orchestra.

Bryan Ferry beschenkt sich selbst und seine Anhänger. Der 20-er-Jahre-Fan nahm eigene Klassiker und die seiner Band Roxy Music noch einmal im Stil von „Babylon Berlin“ auf.

Schon 2012 veröffentlichte Bryan Ferry unter dem Namen „The Jazz Age“ ein Album im Stil der 20-er-Jahre. Was Fans damals trotz des eleganten Retro-Sounds der Aufnahme störte: Das von der Kritik gefeierte Album kam ohne die Stimme des Maestros aus. Aus dem „Bryan Ferry Orchestra“ wurde 2018 unter dem Einfluss der Serie „Babylon Berlin“, an der Ferry mitwirkte, „Bryan Ferry & Orchestra“ - bei dem auch wieder gesungen wird. Auf acht von 13 Stücken ist die Stimme des Kultsängers zu hören, der hier eigene Klassiker sowie die seiner Band Roxy Music ins alte Gewand hüllt. Weil Ferrys Musiker die wohl besten Retro-Illusionisten unserer Zeit und die Songs einfach stark sind, konnte dabei nur ein starkes Album herauskommen.

73 Jahre ist Bryan Ferry mittlerweile alt. Leider - so wird er das selbst sehen - ist das noch viel jung, um die Kultur der Goldenen Zwanziger miterlebt zu haben. Doch immerhin: Weil unsere Gegenwart die Zwanziger als Fetisch und Kulisse entdeckt hat, bekommt der Dandy-Altmeister musikalische Aufträge, die ihm gefallen dürften. Bereits für Baz Luhrmanns filmisches Remake von „Der große Gatsby“ - mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle - spielte Ferrys Orchestra den Pop-Soundtrack des Albums noch mal im Original-Stil der Zeit ein. In der Serie „Babylon Berlin“ wirkte Ferry gar selbst in einer kleinen Rolle mit und durfte wiederum Musik beisteuern. Letztere Inspiration soll auch zum neuen Album geführt haben, das nun eigene alte Songs in die noch ältere Zeit überführt. Der Grundton dieser Bryan Ferry-Werkschau ist - bei aller Eleganz - schwermütig und melancholisch. Diese Musik ist mitunter swingend, aber keineswegs zwingend als Soundtrack für eine Cocktailparty.

Bryan Ferry- und Roxy Music-Kompositionen sind nun mal eher auf schwere Art gedanken- und gefühlsintensiv. Die gelungendsten Beispiele im Schnelldurchlauf. Die alles versprechende Melodie von „While My Heart Is Still Beating“ (im Original auf Roxy Musics „Avalon, 1982) ist immer wieder eine Neuentdeckung wert. Ebenso wie die finale, schlüpfrige Dekadenz von “Boys & Girls„ (vom gleichnamigen Ferry-Album von 1985), das grandiose, streicherverhangene “Zamba„ (von Bête Noir, 1987) oder auch zwei Stücke vom Spätwerk “Olympia„ (2010), “Reason Or Rhyme„ und “Alphaville„. Der Titelsong, “Bitter Sweet„, stammt übrigens vom Roxy Music-Werk “Country Life„, das bereits 1974 veröffentlicht wurde. “Nein, das ist nicht das Ende der Welt / gestrandet an Leben und Kunst / und das Spiel geht weiter" heißt es darin in etwas radegebrochenem Deutsch. Im Fall Bryan Ferrys und seines famosen 20-er-Jahre-Orchesters kann man nur hoffen, dass dieses Spiel noch lange weitergeht und man noch viele große Popsongs im eleganten Stil jener Tage hören darf.

teleschau

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