Lady Gaga

Im besten Sinne überbordend

Nach einer eher nüchternen Country- und Soft-Rock-Phase geht es bei Lady Gaga neuerdings wieder schrill und bunt zu - gut so!
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Nach einer eher nüchternen Country- und Soft-Rock-Phase geht es bei Lady Gaga neuerdings wieder schrill und bunt zu - gut so!

Lady Gaga kehrt auf den Dancefloor zurück - dort ist sie einst weltberühmt geworden. Das neue Album „Chromatica“ enthält allerdings auch ein paar überraschende Nuancen.

Ende der 2000-er war Lady Gaga der größte Popstar der Welt. Das hatte nicht nur mit ihrer Musik zu tun, sondern auch damit, dass sie Outfits aus Fleischstücken oder menschlichem Haar trug und sich bei Preiszeremonien mit Blut überschüttete. Sie bezog sich dabei auf bildende Künstler wie Jeff Koons oder Performance-Künstlerinnen wie Marina Abramovic. Ihre Musik dagegen bezeichnete sie damals selbst als „seelenlosen elektronischen Pop“ - der Sound war nur ein Teil des größeren Gesamtkonzepts.

Die Lady Gaga der letzten Jahre war aber eine gänzlich andere. Anstatt Fleischstücke zu tragen oder sich mit Blut zu übergießen, stand sie bei den Oscars 2019 in einem schwarzen Abendkleid neben einem Flügel und schmachtete zur Schnulze „Shallow“ aus dem Soundtrack des Liebesdramas „A Star is Born“ Bradley Cooper an. Die Rolle der Provokateurin hatten zwischenzeitlich jüngere Popstars wie Miley Cyrus übernommen. Auf Lady Gagas letztem Album „Joanne“ (2016) gab sie sich lieber nahbar und spielte keinen Plastik-Pop mehr, sondern eine Authentizität suggerierende Melange aus Soft Rock und Country-Balladen. Damit war sie kommerziell sehr erfolgreich und inspirierte womöglich sogar ebenjene Miley Cyrus dazu, zu ihren Country-Wurzeln zurückzukehren („Younger Now“, 2017). Das gerade erschienene neue Album von Lady Gaga, „Chromatica“, dokumentiert nun eine weitere Kehrtwende.

Durchweg clubtauglich, bisweilen unbehaglich

Die Chromatische Tonleiter ist diejenige, die in Halbtonschritten alle Töne der Klaviertastatur enthält. „Chromatica“ ist ein Album, das zwar nicht alle Töne, aber doch sehr viele Klänge enthält. Es erinnert oft an den Electro-House, der Ende der 2000-er in Großraumdiscos lief, und klingt im besten Sinne überbordend. Immer wieder setzt Lady Gaga einen Sprechgesang ein, der an Madonnas „Vogue“ erinnert - einen Song, den man sich gut als Vorreiter für diese Inkarnation des Lady-Gaga-Sounds denken kann. Damit nicht genug der Referenzen: Mit „Babylon“ gelingt es, aus einer Basslinie der Post-Punk-Band New Order einen Song zu bauen, der den Laufsteg bei einer Drag-Show begleiten könnte. Und ausgerechnet „Sine From Above“, ein Duett mit Elton John, endet mit einem astreinen Drum'n'Bass-Part.

Trotz des extrovertierten Sounds gibt es Textzeilen, die tief blicken lassen. „911“ erzählt von selbstzerstörerischem Verhalten, „Rain On Me“ (mit Ariana Grande) dagegen handelt davon, Traumata zu ertragen und neues Selbstbewusstsein zu erlangen. „Fun Tonight“ fügt dem Ganzen eine Meta-Ebene hinzu: „You love the paparazzi, love the fame / Even though you know it causes me pain“, singt Lady Gaga und meint mit „You“ sich selbst. Sie verweist hier nicht nur auf ihre Anfänge (das Debütalbum „The Fame“ enthielt den Hit „Paparazzi“). Sie macht auch deutlich, dass ihre Berühmtheit und das öffentliche Interesse an ihrer Person sie süchtig machen und zugleich psychisch belasten. In diesem Moment fühlt sich das ganze Album - in seiner Kombination von extrovertiertem Sound und introspektiven Texten - kurz wie ungesunder Exhibitionismus an, und als Hörer kommt man sich vor wie ein Voyeur. So ist „Chromatica“ ein durchweg clubtaugliches, aber bisweilen doch recht unbehagliches Album geworden.

teleschau

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