Heinz Rudolf Kunze

Beherzt gegen das Banale

In Kürze geht Heinz Rudolf Kunze mit seinem neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ auf Tour.
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In Kürze geht Heinz Rudolf Kunze mit seinem neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ auf Tour.

Er gibt Gott sei Dank nicht auf: Heinz Rudolf Kunze textet auf seinem neuen Album gewohnt fern vom Mainstream. Diesmal macht er sich zum Fürsprecher der Wahrheit.

In seinem letzten Album ging es ums „Schicksal“. Und diesmal um die „Wahrheit“. Der alternde Poet arbeitet sich eben ab an den großen Themen unserer Zeit, in der wir alle überflutet werden von schmalziger Deutschpop-Poesie, die sich immer nur um Liebe dreht, während das restliche Leben den Talkshows, den Politikern, den Medien, den Wütenden und den Lauten überlassen wird. Dabei wären in einer überhitzten Gesellschaft wie dieser die Künstler und die Philosophen womöglich die echten und einzigen Problemlöser. Sofern sie sich eben nicht beteiligen an den Hetzereien, sondern sich als Mahner für Vernunft und das letzte bisschen Anstand geben.

Tut das ein Herbert Grönemeyer, ist ob seines Ruhms die Aufmerksamkeit groß. Eine kurze Weile lang - immerhin. Tut das Heinz Rudolf Kunze, fliegt er eben meistens unter dem Radar des Zeitgeists. Ins Radio müsste er halt mal wieder kommen, und mit ein paar eher belanglosen Schlagern wie „Hallo Himmel“ und „Hunderttausend Rosen“ ist ihm das in den letzten Jahren auch ab und an gelungen. Das war nicht schön. Sein neues Album „Der Wahrheit die Ehre“ enthält wunderbarerweise nicht ein einziges dieser simplen Samstagabendshowlieder, in denen sich „weit“ zwingend auf „Zeit“ und „Welt“ auf „Himmelszelt“ reimt. Aber: Einen Hit enthält es sehr wohl!

Wir lesen hören sehen Schund ...

Nach Jahren legte Kunzes alter Weggefährte Heiner Lürig ihm mal wieder ein bisschen Musik in den Briefkasten (selbstverständlich nicht ins elektronische Postfach!), wohl wissend, dass Kunze an einer Melodie wie dieser nicht vorbeikommen wird. „Die Zeit ist reif“ ist die Single Kunzes betitelt, die Hitpotenzial hat wie lange nichts im HRK-Werkkatalog. Ein geradezu frech berechnend komponierter Ohrwurm mit einem wunderbaren Text: „Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen, und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen, lasst euch nie mehr mit Gespenstern ein ...“ - „Es ist für mich das 'Über sieben Brücken' des nächsten Jahrzehnts“, sagt Kunze gewohnt unbescheiden über diesen Song. Es wäre schön, wenn es so wäre ...

Freilich bleibt Kunze bei den übrigen zwölf Liedern seines Albums nicht ganz so eingängig. Weder textlich noch musikalisch. Wie immer fordert er seine Hörer, erzwingt ihre Aufmerksamkeit förmlich mit Wort und Ton. Zwei gewöhnliche Balladen gibt es, „Völlig verzweifelt vor Glück“ und „Wenn du ohne Liebe bist“ - der Rest ist geprägt von sprachlicher Raffinesse und musikalischer Experimentierfreudigkeit gleichermaßen. „Pervers“ ist ein Blues gewordener Appell für die bunte Demokratie, „Ich bin so müde“ ein charmanter Blick aufs Alter und „Spießgesellen der Lüge“ die einigermaßen verzweifelte Abrechnung mit dem irrlichternden Menschen, dem „Profiteur vom Dreck“, dem „Bündnispartner des Schwachsinns“. Übrigens auch, was die Entwicklung von Sprache betrifft: „Wir lesen hören sehen Schund, wir sprechen wie Neandertal, geh aus mein Herz und suche Freud, vergiss es Freund das war einmal.“ Kunze liegt nicht nur viel an einer bunten Gesellschaft. Er will auch die bunte deutsche Sprache retten und kämpft beherzt gegen eine neue Banalität.

Mal verzweifelt, mal gelassen, mal erbost, mal versöhnlich reist Heinz Rudolf Kunze durch unsere Zeit und versucht dabei, der Wahrheit ein kleines bisschen näherzukommen, ohne permanent den Zeigefinger zu heben. Gut möglich, dass mancher seiner treuen Fans aus knapp vier Jahrzehnten Karriere auch diesmal wieder dem „Rocker“ Kunze nachtrauert, der er ja tatsächlich einmal war - so ein bisschen jedenfalls. Aber: Das Dichten war einem Denker wie ihm eben immer wichtiger. Wer von den alten HRK-Zeiten träumt, hat die alten Platten ja noch. Und kann eines seiner Konzerte besuchen, in denen das Publikum verlässlich Nostalgisches beschwört und Kunze dem ebenso verlässlich nachgibt.

Heinz Rudolf Kunze auf Tour:

17.04. Leipzig Haus Auensee

18.04. Cottbus, Stadthalle

19.04. Erfurt, Thüringenhalle

15.05. Neuruppin, Kulturhaus

16.05. Nürnberg, Serenadenhof

17.05. München, Tonhalle

19.05. Suhl, CCS

20.05. Hannover, Capitol

22.05. Hamburg, Große Freiheit 36

23.05. Rostock, Moya

24.05. Magdeburg, Amo Kulturhaus

04.06. Düsseldorf, Capitol Theater

05.06. Mainz, Frankfurter Hof

07.06. Blieskastel, Paradeplatz

teleschau

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