Charli Xcx

Avantgarde-Pop aus dem Jahr 2099

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Unkonventionell, visionär, charakterstark: Charli XCX gehört zweifellos zu den interessantesten Popstars der Gegenwart.

Charli XCX gehört zu den interessantesten Popstars der Gegenwart. Mit „Charli“ präsentiert sie die jüngsten Ergebnisse ihrer Arbeit an einer weiterentwickelten Pop-Musik, in der eingängige Melodien gegen digitale Klangexperimente ankämpfen.

Schon 2012 landete die Britin Charli XCX gemeinsam mit dem schwedischen Elektropop-Duo Icona Pop einen Hit namens „I Love It“, der auch in deutschen Großraumdiscos bis heute zu hören ist. Doch statt die steile Laufbahn an der Seite von Katy Perry und Taylor Swift hinzulegen, die ihr damals prognostiziert wurde, tat sie sich mit dem Produzenten AG Cook zusammen, der auf seinem Label PC Music experimentelle elektronische Musik veröffentlicht. Zwei Mixtapes lang feilten die beiden dann an dem Sound, der jetzt Charli XCX' erstes offizielles Album seit vier Jahren prägt. Dass dieses Album schlicht „Charli“ heißt und dass das letzte dieser Mixtapes „Pop 2“ hieß, ohne dass es ein „Pop 1“ gegeben hätte, deutet darauf hin, dass hier ein neuerfundener Charli-XCX-Sound präsentiert wird, der gleichzeitig eine Weiterentwicklung klassischer Pop-Musik-Sounds ist.

Der PC-Music-Einfluss kommt etwa auf „2099“ deutlich zum Tragen. Während AG Cook und der französische Produzent Nömak futuristische Klänge von links nach rechts jagen, suggeriert der Text, dass die Pop-Motive Liebe, Party und Prahlerei auch im Jahr 2099 noch wichtig sein werden. Der Titel bezieht sich auf die vorangegangene Single „1999“. Auf beiden Songs ist der australische Sänger Troye Sivan zu Gast, einer von sage und schreibe 14 Featuregästen auf „Charli“. Bei einer anderen Künstlerin wäre es ungewöhnlich, dass für ein langerwartetes Album so viele Köchinnen und Köche rekrutiert werden. Bei Charli XCX steckt ein Konzept dahinter: Wie schon auf den vorangegangenen Mixtapes trifft man sich nie beim kleinsten gemeinsamen Nenner. Man lockt sich vielmehr gegenseitig aus der Komfortzone, wenn Charli zum Beispiel auf die sexuell expliziten Texte von Rapperin Cupcakke trifft und dann wieder auf die sanfte und auf Koreanisch vorgetragene elektronische Musik von Yaeji.

Mensch gegen Maschine

Im Gegensatz zu PC-Music-Künstlerinnen wie Hannah Diamond und QT, die sich selbst als Teil der futuristischen digitalen Ästhetik präsentieren, bleibt Charli XCX menschlich. Auf Balladen wie „Silver Cross“ und „White Mercedes“ drückt die 27-Jährige eine Verwundbarkeit aus, für die in der PC-Music-Ästhetik selten Platz ist. Diese menschliche Komponente kommt erst recht zum Vorschein, wenn sie gegen die überbordende Elektronik geradezu anzukämpfen scheint. Ein Beispiel dafür und einer von Charli XCX' stärksten Songs ist „Track 10“ vom Mixtape „Pop 2“. Charli erzählt darauf von Ratlosigkeit in einer Liebesbeziehung, bis ihre Stimme von bis zum Anschlag aufgedrehten Effekten, Störgeräuschen und gurgelnden Synthesizern ertränkt wird.

Für „Charli“ wurde „Track 10“ weiterentwickelt zu „Blame It On Your Love“. Darauf reiht sich in das Schaulaufen der Gaststars zwar Senkrechtstarterin Lizzo ein, mit seiner Reggeaton-Rhythmik und seinem Tropical-House-inspirierten Drop ist der Song „Blame It On Your Love“ aber sehr viel uninteressanter als der Vorgänger.

Über weite Strecken ist „Charli“ erneut zu ambitioniert, um an alte Hitparaden-Erfolge anzuknüpfen. Als Popstar-Persona mit einem Produzententeam aus Experimentalmusikern gelingt es Charli XCX aber, unkonventionell zu klingen, ohne ihr Identifikationspotenzial zu verlieren. In dieser Disziplin ist und bleibt sie eine Klasse für sich.

teleschau

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