Zwischen Himmel und Erde

Ariana Grande: Sweetener

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Auf dem Weg zur Pop-Queen von morgen: Ariana Grande veröffentlicht ihr neues Album „Sweetener“.

Wer an Ariana Grande denkt, der denkt inzwischen auch an den Terroranschlag in Manchester im Mai 2017. Nun veröffentlicht die US-Sängerin ihr erstes Album nach der Tragödie.

Die Liebe ist das größte Thema der Pop-Musik. Die Musik eines Popstars wie Ariana Grande wird deshalb besonders interessant, wenn sich Privates und Öffentliches vermischen. Auf „Sweetener“, ihrem vierten Album, pendelt die Sängerin zwischen Selbstbeobachtung und großem Pathos. Der Terroranschlag von Manchester im Mai 2017 spielt dagegen nur am Rande eine Rolle - wenn überhaupt.

Ariana Grandes eigenes Liebesleben lässt sich anhand von „Sweetener“ nicht ganz eindeutig aufschlüsseln. Ihre Liaison mit Pete Davidson, einem Ensemble-Mitglied der amerikanischen Sketch-Comedy-Institution „Saturday Night Live“, ging durch die Medien. Ihm widmet sie sogar namentlich einen Song. Das Intro schlägt aber erst einmal enttäuschte Töne an: „The day you left me an angel cried.“

Die 15 Anspielstationen sind eine vielseitige Auseinandersetzung mit der Liebe: wenn sie wächst, wenn sie bricht, wenn man lernen muss, sich selbst zu lieben. Wie auch schon der Vorgänger „Dangerous Woman“ (2016) will „Sweetener“ die Geschichte einer gewachsenen und erwachsenen Ariana Grande erzählen. Es scheint fast, als müsste sie diese Geschichte mit jedem Album neu erzählen, nur weil sie klein und zierlich ist und weil ihr dramatischer Sopran bisweilen immer noch nach einem Disney-Musical klingt.

In Sachen Darstellung leisteten die Singles bereits wichtige Vorarbeit. Das Musikvideo zu „No Tears Left To Cry“ spielt mit verschiedenen Perspektiven und stellt die Physik sozusagen auf den Kopf. Die computergenerierte Skyline von Manchester verläuft darin ähnlich wie eine Treppe in einem Bild von M.C. Escher. Der Clip zu „God Is A Woman“ präsentiert eine neuinterpretierte Religionsgeschichte, die Frauen in den Mittelpunkt stellt, während der Text Grandes Qualitäten als Liebhaberin beschreibt, sich also in recht irdischen Gefilden bewegt.

Beide Singles sind ausdrucksstarke Hymnen, die den vollen Tonumfang der Sängerin ausstellen und an große Diven wie Celine Dion erinnern, ein großes Vorbild von Ariana Grande. Sie wurden von den schwedischen Pop-Maschinen Ilya Salmanzadeh und Max Martin produziert. Die tun, wofür sie bekannt sind und liefern perfekt ausgefeilten Hochglanz-Pop, der sich nicht vor Pathos scheut, allerdings genauso gut auf einem Taylor-Swift-Album hätte stattfinden können. Der Rest des Albums wurde dagegen größtenteils von Pharrell Williams produziert. Auch der tut, wofür er bekannt ist und bringt durch funkige Uptempo-Loops eine verspieltere Ariana Grande zum Vorschein, die etwa auf dem Titeltrack plötzlich einen Staccato-Rap-Part präsentiert und zwischendurch Geräusche macht, die man eher vom Trap-Trio Migos erwartet.

Als einer der interessantesten Songs des Albums darf schließlich auch „Breathin“ nicht unerwähnt bleiben. Im Mai 2017 wurde bei einem Ariana-Grande-Konzert in Manchester ein Selbstmordattentat verübt, bei dem 23 Menschen starben. Diesen tragischen Einbruch in die heile Pop-Welt thematisiert Ariana Grande auf „Sweetener“ nie direkt, bei diesem Titel kann man davon aber zwischen den Zeilen lesen. Es geht darin um Tage, an denen der Stress, die Erwartungen und die Ängste zu viel sind, Tage, an denen man um jeden Atemzug kämpft.

Am Ende findet sich auf Ariana Grandes erster Platte nach Manchester in jedem Fall eine gesunde Mischung aus Pop-Formeln und Experimentierfreude, jedoch handelt es sich um kein stringent klingendes Album. Es wird zusammengehalten durch eine Musikerin, die dank Stimmgewalt und Charisma beides problemlos tragen kann, der man aber in der stilistischen Ausrichtung noch etwas mehr Konsequenz wünschen würde.

teleschau

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