The Specials

Die Antithese zum Brexit

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2019 erlebt die Rückkehr von The Specials, zumindest teilweise (von links): Lynval Golding, Terry Hall und Horace Panter haben mit „Encore“ ein neues Album eingespielt.

Nach vielen erfolglosen Reunions veröffentlicht eine Quasi-Urbesetzung von The Specials („Ghost Town“) ihr erstes gemeinsames Album seit fast 40 Jahren. Man hört feinen Ska, Funk und Reggae, im Vordergrund steht aber immer noch die politische Haltung.

Das hatte schon etwas sehr „Spezielles“, als im vergangenen Dezember plötzlich dieser langsam daherwippende Song „Vote For Me“ aus den Tiefen der Brexit-Wirren emporstieg und ein klares Statement setzte. The Specials sind wieder da und nach jahrelangem Dösen trotzdem hellwach. Dieser lakonische Stinkefinger zum Brexit erinnert natürlich an die legendäre Single „Ghost Town“, jenes stilprägende Ska-Meisterstück von 1981, dessen unverkennbarer Whodini-Groove auch heute noch für Gänsehaut sorgt. Damals knallten The Specials der desolaten Thatcher-Regierung einen von den Latz, beinahe 38 Jahre später spendiert uns ein Großteil der damaligen Besetzung (Horace Panter, Terry Hall und Lynval Golding) die gelungene Zugabe - „Encore“.

Wer mit der komplizierten Bandhistorie nicht vertraut ist: Hall und Golding hatten sich schon nach den beiden ersten Meisteralben („Specials“, 1979, und „More Specials“, 1980) abgesetzt, kurz darauf verließ auch Panter die Band. In den frühen 80-ern landeten Hall und Golding gemeinsam mit ihrem Specials-Kollegen Neville Staple als Fun Boy Three ein paar Charthits, außerdem gab es eine vielbeachtete Kollaboration mit Bananarama. Bassist Horace Panter kehrte bereits in den 90-ern zu den in loser Form immer noch existierenden Specials zurück, und nun sind auch Hall und Golding wieder dabei.

Die Welt braucht The Specials

Anno 2019 schnuppert also ein Teil der ursprünglichen Specials-Besetzung erneut Gründungsluft, und „Encore“ hält, was der Vorbote „Vote For Me“ versprach. Die Platte strotzt nur so vor Sendungsbewusstsein und Good Vibes, und sie beschwört ein starkes Wir-Gefühl, das wirkt wie aus einer völlig anderen Zeit. Dazwischen platzieren The Specials - so kennt man sie - pointierte Kritik an der Gesellschaft, garniert mit einer gesunden Portion Zynismus.

Mal covern The Specials sich selbst („The Lunatics“ von Fun Boy Three) oder Eddy Grants The Equals („Black Skin Blue Eyed Boys“) und verneigen sich vor den Valentines („Blam Blam Fever“). Dann hört man aber auch beeindruckendes neues Material, dem der Begriff Ska bei weitem nicht mehr gerecht wird. The Specials spielen auf „Encore“ weltmännisch mit Funk, Reggae und Soul, und ein Song wie „Breaking Point“ würde auch bei Tom Waits gut ins Repertoire passen. „B.L.M.“ evoziert Bilder von klassischen Funk-Sessions, und „The Life And Times (Of A Man Called Depression)“ bewegt sich irgendwo zwischen einem Meskalinrausch wie bei The Doors und dem Kater nach der großen Ska-Party. Den grandiosen Schlusspunkt setzt dann „We Sell Hope“, ein mäanderndes, psychedelisches, pures Stück Liebe für den Hörer. Die Welt braucht „Encore“, sie braucht The Specials. Jetzt!

teleschau

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