Kesha

Ich bin anders, also bin ich

In Kesha wüten noch immer viele Dämonen. Dennoch: Wenn der Himmel solche Künstlerinnen wie sie nicht will, dann hat er sie auch nicht verdient.
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In Kesha wüten noch immer viele Dämonen. Dennoch: Wenn der Himmel solche Künstlerinnen wie sie nicht will, dann hat er sie auch nicht verdient.

Geballte Pop-Wut: Auf ihrem neuen Album „High Road“ will sich Pop-Misfit Kesha ihren Weg in den Himmel bahnen. Dabei lässt sie nach wie vor kein „Fuck you“ aus.

„Mama raised me well / But I don't wanna go to heaven without raising hell“: Wer solche Zeilen singt wie hier Kesha in ihrem Song „Raising Hell“, der muss seinem Gott schon sehr vertrauen. Kesha gilt als spirituell, sie glaubt an Gott, aber letzten Endes ist es dennoch konsequent, wenn sie selbst die Bedingungen für ihren Eintritt ins Himmelreich stellt. Auch wenn das inzwischen niemand mehr anzweifeln würde: Auf ihrem neuen Album „High Road“ stellt die 32-jährige US-Sängerin immer wieder klar, dass sie die Dinge nach ihren eigenen Regeln gestaltet - in Glaubensfragen, im Bett und in der Musik sowieso.

Kesha ist keine Bilderbuch-Popsängerin. Das hätte sie vielleicht einmal werden können, aber nach ihrem ersten Bilderbuch-Hit „Tik Tok“ (2009) wurde schnell klar, dass diese Musikerin keine von der Sorte ist, die sich von Plattenfirmen und Vermarktungsstrategen herumschubsen lässt. Kesha hat einige Abstürze hinter sich - teils, weil sie gerne ein böses Mädchen ist, teils, weil ihr böse mitgespielt wurde. 2014 verklagte Kesha ihren ehemaligen Produzenten und Förderer Dr. Luke - sie warf ihm unter anderem vor, sie vergewaltigt und in eine Essstörung getrieben zu haben. Keshas Musik, so scheint es oft, hat all das restlos aufgesaugt.

R'n'B, Rap, Synth-Pop, Dance: Auf „High Road“ präsentiert Kesha wie schon auf dem Vorgänger „Rainbow“ (2017) einen Mix verschiedener populärer Musikstile, der aber nur selten Radio-tauglich ist, weil er kaum zwei Minuten ohne ein „Fuck you“ auskommt. In Anlehnung an ihren Kleidungsstil, den sie einst als „Garbage-Chic“ bezeichnete, könnte man ihre Musik als bipolaren Garbage-Pop bezeichnen. Wer nicht mag, was Kesha produziert, der soll nicht nur weghören - er soll sich verpissen.

Himmel und Hölle

„I love singing 'fuck' in all my songs“, heißt es in „Shadow“, und: „If you don't like me you can suck my ...“. Auch der Titelsong „High Road“ dreht sich wie zahlreiche Titel auf der Platte um den „Kesha gegen die Welt“-Konflikt: „Y'all think I'm crazy, think I'm dumb / But could a bitch this dumb write a number one?“ Wenn sie dann in „Kinky“ den Spaß am Dreier sowie am Sex mit fremden Menschen besingt, wirkt das nur wie eine weitere Provokation, und wenn sie in Songs wie „Resentment“ ihre verletzliche Seite zeigt, geht das beinahe völlig unter.

Dabei könnte alles so schön sein. Kesha ist eine hervorragende Pop-Musikerin und „High Road“ ein Album, das trotz aller inhaltlicher Redundanz Spaß macht. Völlig egal, ob Kesha souligen R'n'B anpackt („Honey“), gefühligen Folk-Pop („Resentment“), breitbeinigen Power-Rap („My Own Dance“) oder feierlichen Gospel-Pop („Raising Hell“): Am Ende kommt immer etwas heraus, das schnell ins Ohr geht und Charakter hat. Sogar mit Gameboy-Klängen („Birthday Suit“) und einer Tuba („Potato Song“) bastelt sie pfiffige Pop-Perlen, wie man sie sonst im internationalen Pop kaum hört. So mag Kesha zwar kein Engel sein, und dass sie sich inhaltlich nach wie vor über den Zwist mit der Welt definiert, ist ein wenig schade - aber wenn der Himmel solche Künstlerinnen nicht will, muss es da oben verdammt langweilig sein.

teleschau

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