Baukasten-Pop aus dem letzten Jahrzehnt

Anastacia: Das dürft Ihr vom neuen Album „Evolution“ erwarten

Anastacia - Evolution

Allen Krankheiten zum Trotz präsentiert Popstar Anastacia mit „Evolution“ ihr inzwischen siebtes Album. Ihre Energie hat sie noch immer nicht verloren. Ihre Musik leider schon.

Es gab eine Zeit, da war Anastacia ein Weltstar. Kurz nach der Jahrtausendwende sangen Millionen Menschen laut bei Pop-Hymnen wie „I'm Outta Love“ oder „Paid My Dues“ mit, wenn die US-Sängerin auf der Fahrt in den Familienurlaub im Radio lief. Da stimmte sogar die Mama mit ein. Dann traf Anastacia ein harter Schicksalsschlag: Sie erkrankte an Brustkrebs, nachdem sie schon seit dem Kindesalter mit Morbus Crohn leben musste, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Ihre Kraft, ihr Durchhaltevermögen und ihr Mut beeindruckten neben ihrer Stimmgewalt immer wieder, und das kleine Mädchen aus Chicago, Jahrgang 1968, wurde zu einer der erfolgreichsten weiblichen Lichtgestalten des Showgeschäfts. Auch die letzte energiegeladene Rückkehr nach ihrer zweiten Brustkrebs-Diagnose, das Album „Resurrection“ (2014), wurde von der Presse wohlwohlend aufgenommen. Allerdings konnte es kommerziell nicht an die alten Erfolge anschließen. Nun veröffentlicht Anastacia „Evolution“ und beweist im doppelten Sinne erneut einen langen Atem.

Zum einen bleibt ihre Willenskraft ungebrochen. Zum anderen ist Anastacia stimmlich mit ihrem dunkel gefärbten Mezzosopran immer noch eine Erscheinung mit Wiedererkennungswert. Auf imposante Art zieht sie die Töne in die Länge, als lägen die Vokale auf einer Streckbank. Allerdings wirken die neuen Pop-Produktionen überholt, die stumpfen Beats sind aus der Zeit gefallen, die Songs haben keine Ecken und keine Kanten.

Das kann man auf nostalgische Art schön finden. In den schlimmsten Moment aber hört es sich an, als befände man sich gerade in der Vorrunde einer TV-Castingshow. Inhaltlich kann man der Amerikanerin kaum verübeln, dass sich die Durchhalteparolen aneinanderreihen. Mal begreift sie sich als Boxer im Ring, an anderer Stelle zeigt sie leichtsinnigen Liebhabern ihre Grenzen auf. Allerdings klingt das dann eher nach Glückskeksspruch als nach tiefgründiger Selbstoffenbarung.

Die Songs heißen „Boxer“, „Nobody Loves Me Better“ und „Pain“ und sind so langweilig, wie die Titel es vermuten lassen. Dazwischen wird mal geschnipst, mal spielt ein generisches Piano eine noch generischere Melodie, und irgendwo schleicht sich eine Ballade ein, die einfach nicht hängenbleiben will. Doch kein Grund aufzugeben. Anastacia klettert einfach weiter, denn von oben ist die Aussicht besser („Not Coming Down“). Wieder eine dieser Binsenweisheiten.

Mit über 50 Millionen verkauften Platten und einem Potpourri an unvergesslichen Hits hat sich Anastacia ihren Platz im Pop-Olymp längst verdient. Eigentlich müsste sie also gar nicht mehr weiterklettern. Aus tiefstem Herzen wünscht man dem vom Leben gebeutelten Stehaufmännchen alles Gute. Doch ihre Musik hat spätestens mit „Evolution“ jeden Reiz verloren und reanimiert Baukasten-Pop aus dem letzten Jahrzehnt. Ein Weltstar bleibt sie natürlich trotzdem, und am späten Nachmittag bei Kaffee und Kuchen konstatiert sogar Mama noch mal: „Die Anastacia, das war schon immer eine Sympathische, und die Musik ist auch ganz nett.“

teleschau

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