Slime

Alt, weiß und wütend

Slime haben den deutschen Polit-Punk mitgeprägt, und auch gut 40 Jahre nach der Gründung und zehn nach der Reunion haben sie ihren Kampfgeist nicht verloren.
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Slime haben den deutschen Polit-Punk mitgeprägt, und auch gut 40 Jahre nach der Gründung und zehn nach der Reunion haben sie ihren Kampfgeist nicht verloren.

Dagegen sein ist wichtiger als je zuvor: Gut zehn Jahre nach ihrer Reunion liefern Slime auf „Wem gehört die Angst?“ die musikalische Antwort auf den gesellschaftlichen Rechtsruck. Trotz fortgeschrittenem Alter hat eine der prägendsten deutschen Punkbands ihre Wut nicht verloren.

„Die Angst hat Konjunktur - die Angst verspricht Rendite“: Mit diesen Worten auf dem titelgebenden Song „Wem gehört die Angst?“ eröffnen die Polit-Punk-Veteranen von Slime ihr neues Album. Ihre Antwort: Die Angst gehört uns allen, sie kann Antrieb und Hemmung sein, und sich von ihr beherrschen zu lassen, ist fatal. Angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks der vergangenen Jahre wurden viele Ängste geschürt, die nun auch Futter für neue Slime-Songs liefern.

Es hat sich einiges angestaut bei der fünfköpfigen Formation um Sänger und Gründungsmitglied Dirk Jora. Erwartungsgemäß bekommen auf diversen Songs marschierende Wut-Bürger und Rechtspopulisten ihr Fett weg, mal metaphorisch, mal ganz direkt. So wird auf „Kein Mensch ist illegal“, benannt nach der bekannten Parole, der Spieß umgedreht. Die Scharfmacher tauschen die Rollen mit denjenigen, die sie aus dem Land verweisen wollen. Raus mit „Dackelfreunden“ und „jammernden Opfer-Bürgern“ aus Europa, wird gefordert. Die Boote stehen schon bereit.

Dass die fünf Hamburger trotz grauer Schläfen am Puls der Zeit bleiben, beweisen sie insbesondere mit „Wenn wir wollen“, einem direkten Aufruf zum Kampf gegen den Klimawandel. Der Titel allein gibt die Richtung vor: Nach Slime ist die Lösung des Problems eine Frage des Willens. „Ich war niemals ein Öko, doch auch ich hab's längst kapiert“, stellt Sänger Dirk Jora klar. In diesem Fall verzichtet die Band auf die provozierende Rebellen-Haltung zugunsten einer Mainstream-Meinung und stellt Prinzipien über Attitüde.

Slime denken jetzt auch an die Kinder

Der Sound entspricht größtenteils dem gewohnten, einfach-soliden Punkrock, den man von Slime kennt - regelmäßig aufgehübscht durch gelungene Gitarren-Soli. Es ist Musik für den Pogo-Kreis mit durchaus massentauglichen Melodien. Allerdings wird in Form von Dub-Anleihen („Die Suchenden“) und Folk-Rock-Adaptionen („Solidarity“) auch Abwechslung geboten.

Dabei denken die Punkrocker sogar an die Kinder. „Die Kinder fragen dann: Du warst doch dabei. Warum hast du uns verraten, warum hast du uns vergessen“, heißt es im Stück „Fette Jahre“, welches die Konsum-Geilheit der Gesellschaft und deren Folgen anprangert. Nach dem großen Fressen würde uns der große Hunger erwarten.

Trotz ihres Gespürs für die Gegenwart gönnen sich Slime auf „Paradies“ dann auch ein Stück Nostalgie, indem sie alten linken Bewegungen wie den Anti-AKW-Protesten und Rio Reiser huldigen, sie nahezu verklären. Che-Guevara-Poster inklusive. Auch die eigene Vergangenheit und die Wiederentdeckung des mehr denn je gebrauchten Kampfgeists wird thematisiert. Und was wäre bei einer Hamburger Band eine passendere Metapher für das Auf und Ab des Punk-Lebens als „Ebbe und Flut“?

teleschau

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