Miles Davis

Algorithmus im Blut

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Miles Davis ist der vielleicht beste Trompeter, den es im Jazz je gab. Auf „Rubberband“ kommen seine Qualitäten leider nur sehr begrenzt zur Geltung.

Nach John Coltrane und Theolonius Monk wühlt man nun auch in Miles Davis' Archiv, um „verlorene“ Aufnahmen zu entdecken. „Rubberband“ ist stellenweise charmant, aber keinesfalls zeitgemäß - ein Paradebeispiel für Leichenfledderei in der Musikindustrie.

Posthume Alben verstorbener Musiker sind eine eigenartige Sache. Insbesondere, wenn es sich um Künstler handelt, die schon zu Lebzeiten als Ikonen verehrt wurden. Man denke an Michael Jackson, Prince oder Bob Marley. Nun ist „Rubberband“ erschienen, ein Album, dass Jazz-Legende Miles Davis 1986 aufnahm und das bislang als verschollen galt.

Der vielleicht größte Jazztrompeter aller Zeiten hatte sich Mitte 80-er bereits von seinen Steckenpferden, dem Cool Jazz von „A Kind Of Blue“ (1959) und dem Jazzrock von „Bitches Brew“ (1969), entfernt und sich anderen Genres wie dem aufkommenden HipHop geöffnet. Das ist auch auf „Rubberband“ deutlich hörbar. Harte, lineare Beats begleiten sein typisches reduziertes Trompetenspiel. Unter Liebhabern sind Miles Davis' Arbeiten aus den 80-ern höchst umstritten, wenngleich dies die kommerziell erfolgreichste Phase seiner Karriere war.

Das „Problem“ auf Alben wie „The Man With The Horn“ (1981) oder „Star People“ (1983) war, dass Davis sich im mathematischen Raster der damals neuartigen Produktionstechniken mit Synthesizern und Drumcomputern nicht so dominant inszenieren konnte, wie man es früher von ihm gekannt hatte. Auch auf den Songs von „Rubberband“, die Davis nach seinem Weggang von Columbia Records zu alter Größe verhelfen sollten, klingt seine Trompete eher nach einem Begleitinstrument, das den Algorithmus eines Computers unterstützt, als nach dem Organ eines Ausnahmekünstlers, der das Orchester beherrscht.

Wie ein Remixprojekt aus den 90-ern

Nicht der Langspieler „Tutu“, der 1987 einen Grammy gewann, sondern „Rubberband“ sollte ursprünglich Davis' Debütalbum bei Warner Music werden und ihn zum Popstar machen. Man war daran interessiert, die Pop-Marschrichtung der LP „You're Under Arrest“ (1985, unter anderem mit einem Cover von Michael Jacksons „Human Nature“) auszuweiten, wobei einige junge Musiker helfen sollten. In der Ursprungsbesetzung saß auch Davis' Neffe Vince Wilburn Jr. am Schlagzeug, der nun die Erstveröffentlichung von „Rubberband“ betreute. Zusammen mit den damaligen Produzenten Randy Hall und Zane Giles restaurierte, re-arrangierte und modernisierte Wilbur Jr. die Aufnahmen.

Das Ergebnis klingt aber nicht nach den popkulturellen Umwälzungen der 80-er, sondern eher nach einem Remixprojekt aus den 90-ern. Songs wie „Rubberband Of Life“, „Lalah Song“ oder „Carnival Time“ wirken auch nach dem Makeover hemmungslos aus der Zeit gefallen. Die hier zelebrierte Ästhetik des R'n'B und des New Jack Swing um Bands wie En Vouge oder New Edition ist immer noch charmant, aber nicht mehr zeitgemäß. Das Drumbreak-Sample aus „Ode To Billie Joe“ von Lou Donaldson etwa, zu hören auf dem Opener „Rubberband Of Life“, war im HipHop der 90-er durchaus beliebt, ist 2019 aber kaum mehr Referenzpunkt.

Das Gummiband, das alles zusammenhalten soll

Es sind vor allem musikalische Klischees, die die Nachlassverwalter hier auffahren. Zudem sind die nachträglich hinzugefügten Horn- und Chor-Elemente aus dem Funk-Baukasten das, was Funk niemals sein darf: hüftsteif. So waten sich die elf Stück durch afro-karibische Pop- oder Funk-Anleihen bis hin zum Totalausfall „Paradise“, dessen schrägen Bacardi-Rum-Calypso auch ein Harry Belafonte nicht durchgewunken hätte.

Davis' Aufnahmen mit Vokalisten wurden selten als kreative Meisterleistungen gewürdigt. Auf „Rubberband“ befinden sich unter den elf Stücken nun gleich drei Gesangstitel, die Davis zum Beiwerk seiner eigenen Show machen. Oftmals werden seine Soli ohnehin nur portionsweise eingestreut und von bizarren Weltmusik-Kollagen übertönt. „Rubberband“ wirkt manchmal so, als hätte man van Gohs „Sternennacht“ mit ein paar Graffiti-Schriftzügen übermalt und so „modernisiert“.

So ist „Rubberband“ ein merkwürdiger Retuschierungsversuch geworden, der weder den Jazz clever in die Streaming-Ära bringt, noch als Nostalgie-Sause für Komplettisten herhalten kann. Davis' liebliches Trompetenspiel fungiert in diesem Photoshop-Jazz nur wie das titelgebende Gummiband, das alles zusammenhalten soll - und jeden Moment zu reißen droht.

teleschau

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