Pöbel MC

In Adiletten zur Uni

Seiner Ausdrucksweise nach hat Pöbel MC so einige Bücher gelesen. Laut seines bei Audiolith erscheinenden Debütalbums „Bildungsbürgerprolls“ gehören aber auch Alkohol und Zoff zu seinen Interessen.
+
Seiner Ausdrucksweise nach hat Pöbel MC so einige Bücher gelesen. Laut seines bei Audiolith erscheinenden Debütalbums „Bildungsbürgerprolls“ gehören aber auch Alkohol und Zoff zu seinen Interessen.

Das Debütalbum von Pöbel MC ist ein Spagat zwischen Geisteswissenschaft und Straßen-Klopperei. Neben viel taffem Battle-Rap findet sich immer wieder Platz für linke Systemkritik und Selbstironie.

Für manche mag bereits der Albumtitel „Bildungsbürgerprolls“ nach einem Paradoxon klingen. Allerdings beweist der gebürtige Rostocker Pöbel MC, dass sich Bildung und Prolligkeit ebenso wenig ausschließen wie ein progressives Weltbild und aggressiver Battle-Rap. „Grübeln wie Philosophen, feiern wie Vollidioten“, gibt der bei Audiolith gesignte Rapper bereits im Eröffnungstrack das Motto seines Debütalbums vor. Gegrübelt wird über sich selbst und die Welt, gefeiert der eigene Lifestyle zwischen Universität und Tankstelle und, wie es sich für einen Battle-Rapper gehört, die Überlegenheit gegenüber dem Rest der Szene.

Zunächst zu Letzterem: „Ja ich hab' studiert, unter anderem, wie man dir die Fresse poliert“, drückt Pöbel MC in „Patchworkwendekids“ aus, dass ihn ein Abschluss an der Uni zwar zur gesittet-verbalen Diskussion befähigt, ab und an aber handfeste Argumente besser wirken. Auf „Keine Rolle“ bekommt die durchvermarktete Deutschrap-Szene ordentlich ihr Fett weg, ein Punchline-Festival erster Güteklasse. „Doch was ist das für Battle-Rap, in dem ich dich nicht abwerten darf?“, fragt Feature-Gast Milli Dance rhetorisch.

Progressive Asozialität

In der Tat gehört Abwertung in diesem Fall zu den Kernelementen. Da Pöbel MC fest im politisch linken Spektrum verortet ist, gilt es, den einen oder anderen Widerspruch auszuhalten. Das ist dem reflektierten Wahlberliner aber nicht nur bewusst, er verarbeitet das in unverblümter Selbstironie: „Haue 'ner Nazi-Uschi mit einem Hufeisen eine rein und fühl' mich wegen Gender-Balance doppelt progressiv dabei.“

Der vernichtende Blick auf die Welt findet vor allem im Track „Kalkül“ sein Ventil, in dem der Umgang des Staates mit Kritik, aber auch die Heuchelei hipper Großstädter beackert wird. Pöbel MC zeigt klare Kante gegen Polizeigewalt und prangert die BRD dafür an, lieber Flüchtlinge abzuschieben, als sich um rechten Terror zu kümmern. „Alle sind jetzt grün und retten die Welt, und zuallererst die Weißen mit Kontakten und Geld“, legt er die Doppelmoral vermeintlicher Weltverbesserer offen. Der Konsum-Geilheit setzt Pöbel MC auf „Lowleveldrip“ entgegen, dass Spaß nicht teuer sein muss: „Glück braucht nicht viel, der Rest ist Mittel zum Zweck“.

Der Klügste gibt nicht nach, sondern pöbelt im Akkord"

Aber auch der Blick auf sich selbst wird nicht vernachlässigt, immer wieder hinterfragt Pöbel MC das eigene Verhalten. So werden düster die eigene Egomanie („Dopamindealer“), ernüchtert die eigene Bindungsangst („Dünnes Eis“) und augenzwinkernd die eigenen sexuellen Abenteuer („Sexsexsex“) reflektiert. Zeit zum Feiern muss aber auch sein. Das ein oder andere alkoholische Kaltgetränk wird eher zur Stimmungsaufhellung als zum Genuss vertilgt („Alkmukke“). Die vertretene politische Einstellung streut der Rapper unabhängig vom Thema immer mal wieder in die markigen Reime ein, wobei er bei der Auswahl der Sounds zwischen klassischen 90bpm-Beats und modernen Trap-Anleihen wechselt.

Mag der Rapper zwar betonen, dass man sich auf einen Bildungsgrad nichts einbilden sollte, so scheint er zumindest stolz auf den eigenen Intellekt zu sein. Tatsächlich sind die Parts des Pöblers von der Ostsee sowohl eloquent als auch reflektiert. Dabei scheut er sich nicht davor, laut für seine, die vermeintlich richtige Meinung einzustehen („Kommunikationsgenie“). Denn Pöbel MC ist sich sicher: „Der Klügste gibt nicht nach, sondern pöbelt im Akkord.“ Unter dieser Prämisse ist wohl auch das Album entstanden.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare