The Witness

Meisterhaftes Rätsel-Idyll

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Wer hat auf einmal die Karibik-Sonne angeknipst? Auch tropische Palmen-Sandstrände gehören zum Terrain-Fundus der fantastischen Rätsel-Insel.

Zwei Punkte mit einer Linie verbinden - so simpel das klingen mag, so ausgefuchst, variantenreich und höllisch schwer sind die über 650 Rätsel in "The Witness".

Mehr als 650 Rätsel, verteilt über ein menschenleeres, artifizielles Insel-Paradies, selbsterklärend und doch höllisch schwer: Indie-Star Jonathan Blow beschert PS4- und PC-Gamern sieben Jahre nach der brillant durchdeklinierten Zeitmanipulation "Braid" einen Logikverdreher der besonderen Art. "The Witness", angesiedelt an einem in stiller Schönheit erstarrten Ort der Besinnlichkeit, ist ein Meisterstück in Sachen Rätsel-Design. Hinweise gibt es zuhauf - man muss sie nur deuten können.

Rote, grüne, blaue und gelbe Bildschirme mit verworrenen Mustern sowie ein gigantisches Geflecht aus Kabeln, das die Screens miteinander vernetzt - das sind die "Gegner", an denen der Spieler mit seinem namenlosen, aus der Ego-Perspektive gesteuerten Helden in "The Witness" immer wieder scheitern wird.

Dabei ist der grundlegende Spielmechanismus hinter den teuflischen Gehirnwindungsverdrehern denkbar einfach: Die schematischen Darstellungen auf den Bildschirmen funktionieren ähnlich wie die Irrgärten aus den Rätselheften: Es soll eine Linie vom Startpunkt bis zum Ausgang gezeichnet werden. Die darf ihren vorherigen Weg nicht mehr kreuzen, hin und wieder sollen bestimmte Punkte passiert, Formen eingekringelt, abgegrenzt oder miteinander verbunden werden.

Auch wenn man anfangs in erster Linie rätselt, wer man ist, wo man hier eigentlich gelandet ist und was zu tun ist: Die Geheimnisse der riesigen Knobel-Insel mit ihren asiatischen Tempelanlagen, Burgruinen, herbstlichen Wälder, Sandwüsten, gurgelnden Gebirgsbächen, malerischen Rosenblüten-Hainen und Heckenlabyrinthen offenbaren sich nach und nach - ebenso die Lösungen der vielen hundert Rätseln. Es gilt nur, die Hinweise zu bemerken, zu deuten und zuordnen zu können. Denn wer auf der einen Seite des gehirnakrobatischen Marathons etwas in Gang bringt, findet die Auswirkungen seiner Aktion vielleicht erst ein paar gefühlte Marsch-Kilometer weiter. Ähnliches verhält es sich mit Puzzles, deren Methode man anfangs nicht kennt - und erst später entschlüsselt.

Die einzelnen Versatzstücke des übergreifenden Mega-Puzzles miteinander zu verknüpfen, ist die eigentliche Herausforderung hinter der meisterhaft aufgebauten Knobel-Kollektion. Und wer das ohne Zuhilfenahme einer Lösung hinbekommen will, verbringt gut und gerne 100 Stunden damit, sich das Gehirn zu zermartern. Damit liefert Indie-Meister Jonathan Blow die Rätselspiel-Entsprechung zum Action-Rollenspiel "Dark Souls" - auch hier geht es darum, die Epoche der unmenschlich schweren Spielerlebnisse wiederzubeleben.

Sofern man sich mit dieser Design-Prämisse anfreunden kann, bekommt man mit "The Witness" nicht nur einen Triumphzug des Rätseldesigns präsentiert. Obendrein ist der bedächtige Insel-Ausflug auch audiovisuell ein echter Leckerbissen. Der hat allerdings seinen Preis: Fast 40 Euro will Meister Blow für sein kleines Kunstwerk, das keine Geschichte hat und nur über seine Aufgaben mit dem Spieler kommuniziert. Für einen Indie-Titel eine extrem selbstbewusste Preisgestaltung, aber letztlich ein mehr als faires Angebot.

System PS4
System PC
Spielname The Witness
Hersteller Thekla, Inc.
Vertrieb Sony Computer Entertainment
Genre
Erhältlich ab 26.01.2016
Bewertung Gesamt sehr gut

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