„Anno 1800“ im Test

Mit Volldampf zurück!

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Heißt „1800“, spielt aber eigentlich im 19. Jahrhundert: das neue „Anno“.

Mit „Anno 1800“ geht's wieder zurück in die Vergangenheit: Hier klicken sich PC-Spieler durch die Zeit der industriellen Revolution, während sie ihr eigenes Handels-Imperium aufbauen, Klassenkämpfe austragen und Expeditionen in unbekannte Gefilde starten.

Nach mehreren Ausflügen in die Zukunft und sogar auf den Mond kehrt die Traditions-Serie von Ubisoft Blue Byte wieder auf die Erde, in die Vergangenheit, zu ihren Wurzeln zurück: Mit „Anno 1800“ entführen die Mainzer Entwickler in die Mitte des 19. Jahrhunderts und damit direkt in das Zeitalter der industrielle Revolution. Öllampen werden allmählich von elektrischen Glühbirnen ersetzt (was sich auch in unzähligen Details widerspiegelt), an die Stelle von Pferde-Kutschen oder Eselskarren treten Automobile, und Kanonenboote stehen immer häufiger unter Dampf.

Mit „Anno 1800“ wagt sich das ehemals mit Related Designs betitelte Entwickler-Studio aber nicht nur an den zeitlichen Schritt in die Vergangenheit. Auch spielerisch wird das Rad behutsam zurückgedreht. Denn wer sich bei den den letzten beiden „Anno“-Episoden noch darüber beklagt hat, dass die einst äußerst anspruchsvolle Aufbausimulation immer mehr zum gemütlichen Spielplatz für Gelegenheits-Strategen verkam, der wird jetzt endlich wieder ausgelastet.

Selbst in der - vergleichsweise noch immer zahmen - Kampagne gibt es jetzt jede Menge zu tun: Eine ganze Fülle von neuen und komplexen Waren- und Wirtschaftskreisläufen in der alten und neuen Welt sowie eingestreute Extra-Aufgaben und Expeditionen in fremde Gefilde sorgen dafür, dass der Spieler ständig rotiert. Die Zeitbeschleunigung? Nie verwendet! In den wenigen ruhigen Momente kann man die prächtige Grafik mit ihren unzähligen Details bewundern. Doch zurücklehnen ist nicht. Wer in all dem Gewusel Überblick verliert, dem winkt sogar hin und wieder ein vorzeitiges „Game Over“ - etwas, das „Anno“-Spieler abseits vom Multiplayer-Modus schon seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen haben.

Aber nicht nur die vielen verschiedenen Gameplay-Stellschrauben und das nur auf den ersten Blick simple Handelssystem sind es, die den Spieler auf Trab halten: Neuerdings müssen sich Aufbau-Strategen auch mit fünf verschiedenen Gesellschaftsklassen arrangieren, die deutlich mehr sind als schlichte Upgrades in der Bevölkerung. So werden aus Bauern erst Arbeiter und Handwerkern, dann Ingenieure und Investoren - die Spitze der Evolution in „Anno 1800“. Der Haken dabei: Investoren und Ingenieur spülen zwar mehr Steuergelder in die Kassen und sind für bestimmte Produktionsprozesse essenziell. Dennoch können (oder wollen) sie nicht alle Aufgaben erfüllen. Will heißen: Bauern und Arbeiter sind ebenso wichtig wie ihre Chefs. Wer all seine braven „Zugtiere“ in die oberen Klassen befördert, der hat am Ende niemanden mehr, der die Basis seines wachsenden Handels-Imperiums am Laufen hält. Vorsicht ist außerdem geboten: Arbeiter werden gerne mal unzufrieden und greifen zum Streik-Schild - ein Problem, das „Anno“-Strippenzieher eventuell durch gezielte Medien-Propaganda in den Griff bekommen.

Spannender Handel, langweilige Schlachten

Vergleichsweise simpel sind dagegen die kriegerischen Auseinandersetzungen mit feindlichen Fraktionen geraten: Wenn auf See erst die Kanonen sprechen, dann wird es oft eher langatmig als spannend oder gefährlich. Wer an dieser Stelle trotzdem Probleme hat, der kann die „Anno“-Spielerfahrung bereits vor Beginn der rund 40-stündigen Kampagne anpassen oder gleich das sogenannte Endlos-Spiel seinen Vorlieben entsprechend auf sechs (!) Menüseiten individualisieren.

Schade, dass sich der Trip ins 19. Jahrhundert trotzdem ein paar Kampagnen-Schnitzer erlaubt: Weil die Karten über weite Teile aus dem Zufallsgenerator des Programms kommen, wirken viele Spielerfahrungen überraschend austauschbar - ein Eindruck, der durch eine oberflächliche und viel zu abrupt beendete Familiengeschichte nicht gerade abgemildert wird.

Bleibt am Ende ein „Anno“, das - gerade für anspruchsvollere Spieler - seine beiden unmittelbaren Vorgänger hinter sich lässt, aber trotzdem nicht ganz zum grandios erzählten und fein ausbalancierten „Anno 1404“ aufschließen kann. Dennoch ist's ein prächtiges Aufbauspiel, das sich als wahrer Freizeitfresser entpuppt.

Hinweis: „Anno 1800“ ist digital über Ubisofts Uplay- oder Epics Games Store erhältlich.

teleschau

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