Quantum Break

Spiel und TV-Serie verschmelzen - wird aber auch Zeit!

+
Shawn Ashmore ("X-Men") ist der Hauptdarsteller in "Quantum Break".

Wabernde Grafik-Kulissen, in schillernde Polygone zerbröselnde Protagonisten und eine Spielwelt, die immer wieder buchstäblich den Atem anhält - sei es, weil die Zeit stehen bleibt oder weil die Episoden einer aufwendig produzierten Mini-Serie eingestreut werden.

Die Zeit ist aus den Fugen geraten - und "Max Payne"-Entwickler Remedy macht daraus ein packendes Action-Abenteuer: Im Xbox-One- und PC-exklusiven "Quantum Break" kämpft sich der von Hollywood-Schauspieler Shawn Ashmore ("X-Men") verkörperte Jack Joyce durch ein Effekt-Spektakel, das die Grenzen zwischen Spiel und TV-Serie einreißt. Dabei helfen ihm mehrere Stunden aufwendig produzierter Videos mit Starbesetzung.

Seine eindrucksvollsten Momente hat das Abenteuer um Risse im Raum-Zeit-Kontinuum und die Zeit erschütternde Superkräfte immer dann, wenn die Welt im Augenblick gefangen ist und Jack Joyce zwischen ihren erstarrten Bewohnern wandelt: Zwischen Büro-Angestellten, denen im Moment des Stillstands ein Stapel Akten aus der Hand geglitten ist, die nun in der Luft schweben. Oder zwischen Sicherheitskräften, die gerade auf den Helden geschossen haben und deren Projektile jetzt wirkungslos in der Luft hängen.

Grund der immer häufiger auftretenden, kollektiven Erstarrung: Ein Zeitreise-Experiment von Jacks Bruder William und dem gemeinsamen Freund Paul Serene ist ordentlich aus dem Ruder gelaufen. Die Trips quer durch die Zeit waren zwar erfolgreich. Aber all das Vor und zurück hat das Zeit-Kontinuum schließlich so zerbrechlich gemacht, dass jetzt das Ende des Universums und des ganzen Rests bevorsteht.

Der von den Truppen des skrupellosen Mega-Konzerns Monarch gejagte Jack gerät in den Strudel der brandgefährlichen Ereignisse, ohne so recht zu verstehen, was um ihn herum passiert und welche Rolle er in dem apokalyptischen Spektakel eigentlich zu spielen hat. Noch rätselhafter wird es, als er zerstörerische Superkräfte entwickelt: Jack kann die Zeit biegen und beugen, wie er will. Die Folge: Er flitzt mit enormer Geschwindigkeit durchs Terrain oder erzeugt Zeitblasen, in die er sich zum Schutz vor Kugeln selbst einhüllt oder mit denen er Gegner gefangennimmt.

Entwickler Remedy nutzt die vielfältigen und steigerbaren Kräfte des Zeitreisenden, um ihn zum Helden eines Deckungs-Shooters zu machen: Wann immer Jack mit den Monarch-Schergen konfrontiert wird, hastet er von Deckung zu Deckung, um die gesichtslosen Konzern-Handlanger mit Hilfe eines beachtlichen Waffenarsenals und Zeitkräften in Schach zu halten. Erst wenn alle Zinnsoldaten im Effektgewitter zu Fall gebracht wurden, geht es weiter.

Die vergleichsweise kurzen Feuerpausen nutzt Remedy zumindest in spielerischer Hinsicht nicht ganz so kreativ mit ein paar anspruchslosen Geschicklichkeitseinlagen und Rätseln, die fast ausnahmslos auf Jacks Fähigkeit basieren, für einzelne Objekte oder ein begrenztes Terrain die Zeit um einige Momente zurückzudrehen. So wird ein zerstörter Container für wenige Augenblicke wieder massiv, um dem Helden als Brücke zu dienen - und ein aus der Trockendock-Halterung gestürzter Ozeanriese hält kurzzeitig in seinem alles zermalmenden Fall inne, sodass Jack mit pfeilschnellem "Woosh" (ja, das heißt tatsächlich so) durch ein Labyrinth aus Stahlträgern, Containern und Gerüsten entkommen kann.

Auch in solchen Augenblicken verlässt sich "Quantum Break" vor allem auf die spektakuläre Präsentation seiner zwar spannenden, aber auch reichlich konfusen Zeitreise: Obwohl es Jacks Abenteuer nur in 720p-Auflösung auf die Mattscheibe schafft, gehört "Quantum Break" doch zu den bisher schönsten Spielen für die noch junge Konsolen-Generation. Animation und insbesondere Mimik der Figuren sind ein spürbarer Technikschritt nach vorne. Auch der gelungene Einsatz von cineastischen Stilmitteln wie Tiefenunschärfen oder den abstrakten Zeit-Effekten lässt staunen.

Die mit verschwenderisch vielen Details gestalteten Umgebungen wiederum bestechen durch die realistische Abbildung und Ausleuchtung aller im Szenario verwendeten Materialien: Stein sieht aus wie Stein, Stahl wie Stahl, Holz wie Holz. Bei so viel Grafikpracht nimmt man die geringe Auflösung gerne in Kauf - auch wenn sich die geringe Pixeldichte hin und wieder durch unschönes Kantenflimmern bemerkbar macht.

Das schmucke Beiwerk hilft zudem hervorragend dabei, die Schnittstellen zu verschleiern, in denen "Quantum Break" in die begleitende Live-Action-Serie übergeht, in der Darsteller wie Shawn Ashmore ("X-Men"), Dominic Monaghan ("Lost") als sein Bruder William oder "Fringe"-Mime Lance Reddick in der Rolle eines wunderbar skrupellosen Schurken nicht nur in digitalisierter Form auftreten dürfen.

Die zwischen den Spielkapiteln gestreuten Episoden sind sogar überraschend spannend geraten. Für den Genuss ist allerdings eine aktive Internetverbindung Pflicht: Weil die Ereignisse im Spiel Einfluss auf den Handlungsverlauf der Filme haben, werden die einzelnen Szenen in Echtzeit aus dem Netz geschaufelt. Anschließend laufen sie dann noch während des Streams passend zur persönlichen Story vom virtuellen "Schneidetisch". Alternativ lassen sich die insgesamt 76 (!) Gigabyte auch vorab aus dem Netz laden. Aber das dauert ...

Zugegeben: Wer nur spielen will, wird die "Quantum Break"-Miniserie kaum lieb gewinnen. Als Ergänzung zum multimedialen Gesamterlebnis funktionieren die Clips allerdings hervorragend, zumal die meisten Übergänge äußerst clever gelöst wurden. Wer mit der Anschaffung von "Quantum Break" liebäugelt, der muss sich ohnehin mit dem Gedanken anfreunden, dass das neue Abenteuer der "Max Payne"- und "Alan Wake"-Macher eher großangelegtes Entertainment-Experiment ist denn lupenreines Spiel: Mehr denn je konzentrieren sich die Entwickler auf ihr Talent für die fesselnde Inszenierung ihrer Groschenroman ähnlichen Geschichten.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare